Sarah Wedler und Nadine D'Arachart ' Morden nach klassischem Vorbild
Die Titelzeile darf hier ganz wörtlich verstanden werden: Die beiden Hattinger Autorinnen haben sich eines Klassikers angenommen und ihn nach eigenen Vorstellungen neu gestaltet. Mit dem 'Fräulein von Scuderi' von E. T. A. Hoffmann als Vorlage haben sie die Messlatte hoch angelegt, und man möchte bereits vor dem Lesen sagen: Alle Achtung! Scheu vor dem großen Romantiker haben die Schwestern wohl nicht.
Der Dolchstoßmörder geht um
Es beginnt, anders als von Krimis gewohnt, mit der Lösung eines Falles. Chefinspektor Dominik Greve hat eine Reihe spektakulärer Giftmorde mit hohem persönlichen Einsatz klären können. Seine Ehe hat, wie sollte es anders sein, darunter gelitten, er ist seiner Frau und seinem Kind entfremdet durch seine obsessive Hingabe an die Arbeit. Doch zum Atemholen bleibt keine Zeit. Der nächste Serienmörder macht Wien unsicher, sein Vorgesetzter und die Presse machen Druck. Die Opfer scheint nichts zu verbinden, die üblichen gemeinsamen Kriterien wie Alter, Geschlecht, Aussehen treffen einfach nicht zu. Die einzige Verbindung zwischen ihnen scheint die Mordmethode zu sein: Der Dolchstoßmörder verdient seinen Namen zu Recht.
Inspiration für den Mörder
Durch die geschickt eingebauten wechselnden Perspektiven wird dem Leser schneller als dem Chefinspektor klar, dass der Mörder eine Muse gefunden hat, der er huldigt: Madeline Scuderi, die Grande Dame der Wiener Literaturszene. Außerdem spielen exquisite Schmuckstücke, gefertigt von einem weltberühmten Juwelier, ebenfalls eine fatale Rolle.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
An dieser Stelle mehr vom Inhalt zu verraten wäre mehr als eine Gemeinheit, denn obwohl jeder, der die Vorlage kennt, Parallelen ziehen kann, gibt es doch einige bemerkenswerte Unterschiede zwischen Original und Remake. Die Muse des Mörders spielt im Wien der Gegenwart, nicht im Paris Ludwig des XIV; in der modernen Version wechseln sich viele verschiedenen Perspektiven ab, während Hoffmanns Erzählung vom allwissenden Erzähler berichtet wird. Letzteres trägt besonders viel zum Erfolg der Muse des Mörders bei. Wir sehen durch die Augen des Chefinspektors, des Mörders und der Literatin, können zwar selbst bei Kenntnis der Vorlage kombinieren, werden aber durch geschickt eingestreute Andeutungen in die Irre geführt. Der nagende Zweifel, ob die Autorinnen sich tatsächlich an den Ausgang der älteren Erzählung halten werden, hat mich während der gesamten Lektüre begleitet, und zwar in allerbester, unterhaltender Weise.
Das Beste zum Schluss
Ich muss jedoch noch auf das zu sprechen kommen, was mir an diesem Roman am besten gefallen hat: Sarah Wedler und Nadine D'Arachart haben ihre eigene Stimme gefunden. Während sie eine spielerische Verbeugung vor dem Original leisten, die von der Liebe zur Literatur zeugt, modernisieren und variieren sie den Klassiker, bis die Muse des Mörders zu mehr als einem, wie der Verlag es nennt, Remake wird. Sie erschaffen eine Atmosphäre, die gleichzeitig unheimlich und gehetzt ist, was mich zwischendurch einfach vergessen ließ, dass ich die Geschichte eigentlich kenne. Kompliment! Ich freue mich schon auf den nächsten Roman der beiden Damen mit der mörderischen Fantasie.