Die Muqaddima des arabischen Philosophen Ibn Khaldun (14. Jahrhundert) wurde als Vorwort zu seinem umfangreichen Geschichtswerk konzipiert und hat sich unter der Hand des Autors selbst zu einem eigenständigen Opus entwickelt, an dem er bis zu seinem Lebensende arbeitete. Darin beleuchtet er die Strukturen der Zivilisation aus der Warte des 14. Jahrhunderts in einer Vielzahl von Facetten, von denen einige zur damaligen Zeit unerhört neu erschienen. So analysiert er Staatsgebilde auf der Basis der soziologischen Keimzelle der Stammes- oder Familiengemeinschaft, und zeigt, wie dynamische Prozesse im Staat durch diese Substruktur erklärt werden können. Kein Wunder, dass man Ibn Khaldun als einen frühen Vordenker der Soziologie begriffen hat und noch heute moderne Erkenntnisinhalte bereits in seinem Werk skizziert findet. Ähnliche Bezüge bestehen zur modernen Ökonomie; so erkennt Ibn Khaldun etwa den Zusammenhang zwischen der Höhe der Einkommenssteuer und deren Aufkommen und zeigt, wie eine Erhöhung der Steuer zur Senkung des Aufkommens führen kann (vgl. die moderne Laffer-Kurve). Diese beiden Beispiele sind weithin bekannt geworden und haben für den Ruhm des Werkes gesorgt. Was aber hat der Leser dieser Ausgabe davon? Ibn Khaldun erscheint zunächst nicht als ein systematischer Denker im Sinne Hegels, sondern wählt - zum Vorteil des Lesers - eine eher intuitive Herangehensweise. Seine Quelle ist die scharfe Menschenbeobachtung und trotz ständiger Anrufung des Schöpfers im Text ein sehr pragmatischer und nüchterner Blick auf die Strukturen, die den äußeren Geschehensabläufen zugrunde liegen. In der vollständigen Fassung des Werkes, die hier nicht vorliegt, findet der Leser eine unerschöpfliche Fundgrube an Ideen: vom Entstehen bestimmter Versmaße in der arabischen Dichtung bis hin zu Einzelheiten des privaten Erbrechts und seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft. Er bewundert die scharfen Einblicke in die Bedingungen für das Entstehen und den Untergang politischer Herrschaft, oder kann vom Sufismus als Wissenschaft erfahren usw.
Ich kenne das Werk bereits aus der klassischen dreibändigen englischen Übersetzung von Franz Rosenthal, die man als privater Liebhaber kaum jemals in einem Stück lesen kann (sie ist mittlerweile auch im Internet zu finden), sondern die eher nach Lektüre des ersten Großkapitels über die Zivilisation im Allgemeinen wie ein Handbuch Einblicke in die Rechtsphilosophie, Wirtschaftstheorie usw. erlaubt. Das Werk umfasst bei vollständiger Übersetzung ca. 1200 Seiten. Ausgaben dieser Art gibt es wie gesagt von Rosenthal (sehr teuer) und in Frankreich als Pléiade-Band, (Gallimard). Vorliegend wird dem Leser ein editorisch gut aufbereiteter Digest geboten. Dass also nicht die ganze Muqaddima geboten wird, sondern eine Auswahl, will ich hier dennoch aus Sicht des gebildeten Lesers dennoch begrüßen, weil dieser sich bspw. nicht in gleicher Weise für die Entstehung eines bestimmten Versmaßes und seiner Implementation im Laufe der arabischen Literaturgeschichte interessieren wird wie für die soziologischen oder wirtschaftstheoretischen Überlegungen bzw. die an die Dialektik gemahnende Geschichtsphilosophie. Die Auswahl orientiert sich ein wenig an der einbändigen gekürzten Rosenthal-Übersetzung im Verlag Bollingen
The Muqaddimah: An Introduction to History (Bollingen). Ein umfangreiches Vorwort stellt dem Leser die Vita Ibn Khalduns, die Zeitumstände der Entstehung des Werks und seine Rezeptionsgeschichte anschaulich dar. Die moderne Übersetzung ist gut lesbar und quält nicht mit Übersetzungsproblemen und Fragen zur authentischen Version (in einem Staatsarchiv in Tunis werden verschiedene Originalmanuskripte des Werke aufbewahrt, die zeigen, dass Ibn Khaldun daran ständig Änderungen vorgenommen wurden).
Also noch einmal: Warum sollte man dieses Werk zur Hand nehmen? Die Antwortet lautet, dass sein Autor ein seltener Menschenbeobachter war, dessen Gedanken man auch heute noch mit Gewinn folgt und der nach einer kurzen den Leser abverlangten Eingewöhnung sehr spannend und konzentriert schreibt. Ibn Khaldun präsentiert dabei vor allem die weltläufige, intellektuelle Seite des Islam, für die in der Medienberichterstattung oft kein Platz ist, die aber bis heute besteht. Der Einfluss seines Werkes auf das Denken arabischer Intellektueller vermittelt dem Leser im Detail sicher ein fundamentaleres Verständnis der Zusammenhänge islamischer Zivilsationskritik als mancher Tagesbeststeller über die Arabellion.