Der Untertitel dieses wunderbaren Reiseberichts ist "Roman eines Kindes". Das merkt man natürlich auf gewisse Weise, wenn man das Buch liest. Hier beschreibt ein Kind die Welt. Auf der anderen Seite schlummert in jeder geschriebenen Zeile ein sehr großes Schreibtalent. Kein Kind kann so schreiben, denkt man sich. Das ist ein Grund, warum "Die Moselreise" ein kleiner Schatz ist. Sie zeigt einem, wie ein großer Autor der Gegenwart angefangen hat. Überhaupt ist "Die Moselreise" ein Stein auf dem Weg von Ortheils Berufung. Das Buch beschreibt, wie er als 11-Jähriger die Welt zu betrachten und dann zu beschreiben gelernt hat. Es ist ein Reisebericht von mehreren, die er als Kind verfasst hat. Sie alle haben dazu beigetragen, ihn zu dem zu machen, was er heute ist.
Gleichzeitig ist die Geschichte natürlich für sich interessant zu lesen. In den 60er Jahren war Reisen noch ganz anders und das Reisen von Vater und Sohn Ortheil unterscheided sich noch einmal vom dem anderer Leute. Zu Fuß geht es von Koblenz bis kurz vor Trier. Viel Zeit nimmt man sich, die Mosel, ihre Umgebung und Menschen zu studieren, zu verstehen und zum Teil seiner selbst zu machen. Der Vater kommt mit allen leicht ins Gespräch, fängt er doch immer mit interessierten Fragen und einem Lob über das, was er sieht, an. Der schüchterne Sohn beobachtet das und lernt, es selbst in kleinen Schritten umzusetzen. Langsam verliert er die Angst vor fremden Umgebungen und Menschen. Daran ist nicht nur Vaters Art Schuld, alles zu erklären und so zu verinnerlichen, sondern auch das Notieren der eigenen Erfahrungen durch den jungen Ortheil. Dadurch wird es zu etwas Eigenem.
Die Vater-Sohn-Beziehung wird auf dieser Reise sehr eng. Man merkt, dass hier zwei Gleichgesinnte unterwegs sind. Das wird besonders auffällig, als die Mutter in Trier dazu stößt und sich nicht selten lustig macht über die Art der beiden, eine neue Umgebung zu erkunden. Wie eng die Beziehung geworden ist, merkt man aber besonders in Ortheils Reflektion über die Reise in der Gegenwart. Der Tod des Vaters hat ihn tief getroffen. Um die verlorene Nähe wiederzufinden, macht Ortheil sich auf, dieselbe Reise noch einmal zu erleben. Dadurch kommt er wieder mit dem Vater ins Gespräch, wenn er ihm auch heute nicht wie ein Kind zuhört, sondern mit dem vom Vater Gelernten antworten kann.
Ich hoffe sehr, dass Ortheil auch seine anderen Reiseberichte veröffentlichen wird.