Als Jan Assmann 1998 sein Buch "Moses der Ägypter" auf den Markt brachte, brach, vor allem von religiöser Seite, ein Sturm der Entrüstung los. Assmann habe den monotheistischen Religionen den Krieg erklärt und verherrliche gleichzeitig den Polytheismus. Diese Kritik entzündete sich vor allem an der These von der Mosaischen Unterscheidung". Daher hat sich der Autor 2003 diesem Punkt noch mal in Buchform genähert und unter dem Titel "Die Mosaische Unterscheidung - Oder der Preis des Monotheismus" veröffentlicht.
"Den Kernpunkt dieser Wende bezeichne ich mit dem Begriff 'Mosaische Unterscheidung". Nicht die Unterscheidung zwischen dem Einen Gott und den vielen Göttern erscheint mir das Entscheidende, sondern die Unterscheidung zwischen wahr und falsch in der Religion, zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern, der wahren Lehre und der Irrlehre, zwischen Wissen und Unwissenheit, zwischen Glaube und Unglaube" (12f.).
Diese Wende" begann nach Assmann auf dem Berg Sinai und bleibt bis heute eine der weitreichendsten Revolutionen der Weltgeschichte. Moses brachte zwar nicht den Hass allgemein, aber "eine neue Art von Hass" (95) in die Welt, nämlich den religiös motivierten Hass auf die Anhänger der alten Götter, die kurz und bündig als Heiden oder Ungläubige gebrandmarkt wurden. Intoleranz ist für Assmann geradezu ein konstituierendes und zentrales Element des Monotheismus, da sich die eine und absolute Wahrheit nur gegen ein Anderes, ein Negatives, erfolgreich propagieren lässt (vgl. 26).
Dabei betont der in Heidelberg lehrende Ägyptologe immer wieder, dass er den Monotheismus nicht verteufeln will. Auch gehe es ihm nicht darum, die "Mosaische Unterscheidung", also die Unterscheidung zwischen wahr und falsch, aufzuheben, was in einem zynischen Nihilismus enden würde. Allerdings betont Assmann in einem der letzten Sätze der Darstellung "werden wird diese Unterscheidung nicht mehr auf eine für allemal festgeschriebene Offenbarung gründen können" (165). Sprich, ja zur Unterscheidung zwischen wahr und falsch, aber nicht auf Grundlage einer alten, gewaltverherrlichenden und sich ständig widersprechenden Textsammlung.
Auch wenn Assmann sich selbst als Christ bezeichnet und seinen Respekt vor den monotheistischen Religionen betont, rechnet die "Mosaische Unterscheidung" gnadenlos mit dem absoluten Wahrheitsanspruch des Monotheismus ab. Die (atheistische) Hypothese, dass der Glaube ein von Menschen gemachtes Konstrukt zwecks Identitätsstiftung sei, setzt Assmann voraus. Auch bezeichnet er einen seiner kirchlichen Kritiker als "verbittert und verblendet" (74), was seine Vorbehalte deutlich zum Ausdruck bringt.
Fazit: Ein hervorragender Beitrag zu den Themen Glaube, Wahrheit, Gewalt und Terrorismus. Wer an dieser Thematik interessiert ist, kommt an dieser Darstellung nicht vorbei. Im Anhang finden sich fünf kurze Essays von Kritikern der These der "Mosaischen Unterscheidung".