Nina George schreibt eine Aussteigergeschichte unter Senioren. Und allein das ist bereits bemerkenswert. Literatur heute ist in so vielen Fällen abgekommen von der Kraft der Erzählung zugunsten verkappter Autobiografik. Junge Damen, ältere Semester, fast alles dichtet über seinesgleichen, über den eigenen Gefühlshaushalt - nichts dagegen, da kennen sie sich aus, da wird Zeit beim Recherchieren gespart. Aber wo bleibt das, was Literatur auch ausmacht: sich hineinfantasieren in eine ganz andere Welt, in andere Charaktere? Nina George, Jahrgang 1973, denkt sich in die Genration ihrer Eltern hinein und schreibt aus dieser Perspektive eine Erzählung voller Hingabe und Liebe zu diesen Menschen.
Sie tut dies mit so viel Einfühlsamkeit, so viel Charme, Verzauberung, lakonischem Witz, zuweilen auch ätzendem Sarkasmus (wenn es um den Gatten der aussteigenden Buchheldin Marianne geht), so großer Lust am Fabulieren, dass man das Buch gern liest und ungern beendet, weil man ungern Abschied nimmt von den skurrilen und liebenswerten Personen. 100 Seiten mehr, mehr über die todschicke Galeristin Colette, mehr über die verzweifelte, nicht gelebte Liebe zwischen den beiden konkurrierenden Bistro-Besitzern Geneviève und Alain, mehr über Marianne, deren schiere Anwesenheit dafür sorgt, dass sich die knorzigen Bretonen bewegen wie Streithähne in Momos Amphi-Theater - 100 Seiten mehr hätte das Buch vertragen. Und viel schöneres kann man über ein Buch nicht sagen. Und nicht zu vergessen die traumwandlerische Sicherheit, mit der Nina George dramaturgische Knoten schlingt und Höhepunkte zelebriert (insbesondere bei der höchst dramatischen Kreuzung der Wiederbegegnungen von Lothar/Marianne und Alain/Genviève).
Nina George ist von einer tiefen Liebe zu ihren Personen, ja zu den Menschen im allgemeinen erfasst. Das ist es, was ihr Erzählen zu wundervoll macht.