Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Biographie des Adelsgeschlechts der Moltkes von ihren Anfängen bis zur heutigen Zeit. Die drei berühmtesten Moltkes, also der große Feldmarschall, der Chef des Generalstabs im Ersten Weltkrieg und der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, nehmen zurecht den größten Raum ein, aber auch andere wichtige und interessante Moltkes werden kurz beschrieben und charakterisiert.
Es ist ein sehr gut lesbares Buch, welches in einem schönen Stil verfasst ist und darüberhinaus alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt, so nimmt der Anmerkungs- und Bibliographieteil 95 der 477 Seiten ein. Die Anmerkungen beschränken sich zwar weitestgehend auf Quellenhinweise und nicht wie zum Beispiel bei den überaus empfehlenswerten Biographien von v. Krockow und Kolb über Bismarck oder die großen Historiographien von Winkler und Nipperdey, auch auf weiterführende Erklärungen, Interpretationen, oder Diskussionen mit anderen Wissenschaftlern, aber sie sind ordentlich und seriös, auch wenn ich noch nie so viele Internetquellen bei einem Historiker gesehen habe...
Warum also nur 3 Sterne?
Das Buch hat einen entscheidenden Nachteil, nämlich die negative Obsession des Autors mit der Nation.
Jedes Kapitel trägt "Nation" in der Überschrift. Auch die Einleitung ist zur Hälfte eine Kampfschrift gegen Menschen, welche die Nation als etwas Natürliches ansehen und wie es hier schon latent durchscheint gegen die Nation an sich.
"Nationen sind keine Ureinheiten der Geschichte. Jede Nation ist Idee." (Seite 13)
Kurz darauf zitiert Jessen zustimmend Norbert Elias, der sagt "Nationalstaaten sind in Kriegen und für Kriege geboren".
Stimmt schon, die meisten Nationalstaaten sind Kriegsgeburten, sofern sie nicht mehr oder weniger geographischer Zwang sind. Aber für den Krieg geboren? Nein. Sie brauchen etwas Einendes: Kultur, Geschichte, Sprache.
Partiell kann dies auch der integrale Nationalismus sein, ein Feindbild, welches hilft sich abzugrenzen....
Die Nationen sind, natürlich oder nicht, etwas wünschens- und verteidigungswertes und werden auch weiterhin die entscheidende staatliche Form bleiben, nicht etwa ein europäischer Staatenbund, der nicht funktionieren kann, gerade wegen der kulturellen, sprachlichen und geschichtlichen Differenzen. Als Historiker sollte Jessen das auch wissen, dennoch schimmert manchmal mehr oder weniger deutlich eine unpatriotische und internationalistische Propaganda durch...
Verstehen Sie mich nicht falsch, man darf diese Meinung durchaus vertreten ("Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst"), aber dann sollte man dies an passender Stelle tun.
Jessen könnte eine Monographie über die Nation verfassen oder ein Pamphlet schreiben, aber er sollte diese Ansichten nicht in eriner Biographie verstecken. Sie schimmern immer durch, sind aber nie zu greifen. Wie gesagt, sind sie latent und nie klar formuliert. Er schreibt nicht etwa: "Die Nation ist etwas schlechtes, man sollte sie abschaffen." Aber diese Ansicht scheint dauernd durch und stört das Lesevergnügen erheblich...
Diese negative Obsession nervt genauso wie der "negative Nationalismus" (Heinrich ASugust Winkler) an sich.
Ansonsten ist die Biographie recht gut gelungen, sie wertet die Quellen gut aus und bezieht sich ausreichend auf Sekundärliteratur. Wenn auch das Konzept einer ganzen Familien-Biographie etwas hinkt. Einerseits werden natürlich nicht alle Moltkes beschrieben, die Auswahl beruht auf einer recht subjektiven Wahl des Autors, was ja auch legitim und natürlich ist. Allerdings werden die "Nebencharaktere" nur kurz erwähnt. Manchen ist ein ganzes Unterkapitel gewidmet, anderen nur hier und da ein paar Sätze. Man vergisst aber die ganzen zusätzlichen Namen schnell wieder, da sie nur oberflächlich angesprochen werden und dann schnell wieder verschwinden. Leider verwirrt das umso mehr, da ja (fast alle) Moltke heißen und man dann mit den "Hauptcharakteren" auch leicht durcheinanderkommt.
Alles in allem ist die Biographie Menschen zu empfehlen, welche - recht kurzweilig - etwas über die wichtige Familie der Moltkes und ihre Zeit erfahren möchten. Alleridngs sind die oben genannten drei "Hauptmoltkes" auch nur relativ kurz beschrieben, da der Fließtext ja nur 382 Seiten lang ist und versucht viele Mitglieder der Familie (gleichzeitig) zu beschreiben. Wer also lediglich etwas über den Feldmarshall und militärischen Gründer unseres schönen Landes, oder nur etwas über den Widerstandskämpfer des Kreisauer Kreises Helmut James erfahren möchte, dem sei geraten, zu den Monographien über ihr Leben zu greifen...
Luca Brandt