"Liz Mohn sichert sich und ihrer Familie die Kontrolle über das B*rtelsmann-Reich auf lange Sicht mit Hilfe einer besonderen Konstruktion" meldete SPIEGEL ONLINE im August 2010. [1]
Dieser vorläufige Höhepunkt der Entwicklung konnte noch nicht im Buch "Die Mohns" von Thomas Schuler stehen. Schuler hat den Weg von Konzern und Familie B*rtelsmann/Mohn ab der Gründung durch Carl B*rtelsmann bis zum Jahre 2005 penibel rekapituliert - man hat eine solche Entwicklung nach Lektüre des Buches aber durchaus erwarten müssen.
DER KONZERN HEUTE
"Na und?", wird mancher fragen, wen interessiert schon ein Buchklub? Nun, dieser "Buchklub" beschäftigt über 100.000 Mitarbeiter in 63 Ländern und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von rund 16 Milliarden. Dazu gehören der "Gruner + Jahr Zeitschriftenverlag, die "RTL-Group", "Random House" und die "arvato AG" [2]
Hier sei zunächst einmal ein relativ aktueller Überblick gegeben, der natürlich die Vielfalt der Aktivitäten dieses Konglomerats nur andeuten kann.
Arvato ist die größte Druckereigruppe Europas - und noch viel mehr. Ihre 270 Unternehmen expedieren z.B. für Microsoft die Xbox-Konsolen und -Spiele in Europa, Afrika und den Nahen Osten, betreiben Inkasso, kommissionieren für 200 Verlage 600000 Bücher PRO TAG, rechnen die Google-Werbeeinnahmen ab und ziehen sogar in einem englischen Landkreis Steuern ein. [3]
Gruner + Jahr publiziert u.a. den STERN, diverse GEO-Magazine, Financial Times Deutschland, National Geographic Deutschland, Brigitte, Gala, P.M. Magazin, Eltern, Capital, impulse, art, schöner wohnen, essen & trinken, Men's Health, Motorrad und auto motor sport und unterhält diverse Online-Angebote wie z.B. kino.de. [4]
Random House ist die größte englischsprachige und die zweitgrößte deutschsprachige Verlagsgruppe der Welt. Zu den Verlagen zählen z.B. btb, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, Goldmann, Heyne und Luchterhand. [4]
Zur Luxemburger RTL-Group SA gehören die Töchter VOX, n-tv, RTL II und Super-RTL, über 30 weitere ausländische TV-Sender, über 30 Radiostationen, einige internationale TV-Produktionen wie die UFA Film & TV-Produktion sowie Sendeanlagen. [4]
Die Gewinne aus dem Konzern fließen zu erheblichen Anteilen der B*rtelsmann-Stiftung zu. Statt die Steuern dem Staat zukommen zu lassen, regiert die mächtige Familie mit diesem Steuersparmodell in den Staat hinein. Egal, ob Agenda 2010, Studiengebühren, Hartz IV oder Gesundheitspolitik, die Größen der Politik bis zum Kanzler und Präsidenten geben sich bei der Stiftung die Klinge in die Hand und fragen "um Rat", finanzielle Abhängigkeiten von Politikern aller Couleur sichern der Stiftung - und damit einer einzigen Frau - zusammen mit der Macht der kontrollierten Medien fast grenzenlosen Einfluss in Deutschland und Europa.
DAS BUCH
"Die B*rtelsmann-Stiftung regiert Deutschland mit. Dabei ist sie undemokratisch und dient als Steuersparmodell." [5] Solch drastische Zuspitzungen wird man in der Familiengeschichte von Thomas Schuler nicht finden. Der Stil des Top-Journalisten ist leise und dezent, aber äußert präzise. Er überlässt es weitgehend dem Leser, die Schlüsse zu ziehen, und beschränkt sich darauf, die Fakten und Ereignisse darzustellen.
Er arbeitet nicht nur öffentlich zugängliche Quellen umfassend auf, sondern verfügt auch über zahlreiche Kontakte in allen Etagen des Konzerns und bei etlichen Mitgliedern der Familie. So deckt "Die Mohns" nicht nur die teils schönfärberischen, teils unwahren, teils verschwiegenen Geschichten auf, die Mitglieder der Familie Mohn, insbesondere Reinhard und Elisabeth Mohn, über Moral, Familie und ihre Lebensführung verbreiten, sondern zeigt auch im Detail auf, wie man sich unliebsamen Mitgliedern sowohl der Konzernleitung als auch der Familie zu entledigen pflegte, unabhängig von oft größten Verdiensten für den Aufbau des Unternehmens.
Dabei wird auch den Aktivitäten der Familie und des Konzerns in der Zeit des Nationalsozialismus und den Verschleierungsversuchen nach dem Krieg umfangreich nachgegangen.
Ein weiteres Highlight ist die Intrige um die von einem Mohn-Vertrauten "entdeckten" Hitler-Tagebücher, die letztlich die bis dahin als unangreifbar geltende STERN-Chefredation um Henry Nannen zur Aufgabe zwang.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Thomas Schuler aber dem Weg von Liz Mohn zur Macht, der erst die Zerstörung der Ehe von Margarete und Reinhard Mohn erforderte, dann das Ausbooten hochkarätiger Manager wie Köhnlechner, Fischer, Wössner und Middelhoff und schließlich selbst die Ausgrenzung der 6 Kinder von Reinhard Mohn von der seit Carl B*rtelsmann traditionellen Nachfolge. Selbst der einst so mächtige Reinhard Mohn verbrachte seine letzten Jahre alleine mit ein paar Hausangestellten praktisch in Isolation, wie man im Nachtrag des Buches erfährt, der sich mit dem oft ergreifenden Schicksal der Menschen in ihrem "Leben nach B*rtelsmann" befasst.
B*rtelsmann ist berüchtigt dafür, kritische Stimmen und Verkünder unliebsamer Wahrheiten mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Thomas Schuler und der Verlag haben aus diesem Grund weit überdurchschnittliche Sorgfalt aufgewandt, dieses Buch gerichtsfest zu machen. Das kommt dem Leser zugute, der darauf vertrauen kann, dass jeder Fakt bis ins Kleinste untermauert, dokumentiert und gesichert ist.
Das Ganze liest sich faszinierend und spannend wie ein Thriller. Aber es bleibt auch Verbitterung, Zorn und Enttäuschung zurück, wenn man sieht, was Menschen in äußerster Bígotterie ungestraft tun können und wie es möglich ist, mit durchgängiger Beherrschung der angeblichen Medienlandschaft gleichzeitig noch in der Öffentlichkeit ein irreführend positives Bild zu projizieren.
Das weltweite Presse-Echo war phänomenal. B*rtelsmann-kontrollierte Medien wie DER SPIEGEL haben sich allerdings laut Schuler eigener Stellungnahmen enthalten und sich mit dem Abdruck von Interviews über die Runden gerettet. Es ist aber kein Problem, Pressestimmen (natürlich eher selten aus dem Inland...) im Web zu finden.
Die "mächtigste Frau der Welt" ist jedenfalls ganz sicher nicht Frau Merkel.
Aber nachdem Liz und Reinhard Mohn sich bis ins hohe Alter an die Macht geklammert haben und somit mit der wichtigsten Traditionen des Hauses gebrochen hatten, nämlich der Abgabe der Macht bei Erreichen des 60. Lebensjahres an die nachfolgende Generation, steht auch die Fortführung des bislang Generationen-überdauernden Familien-Unternehmens unter keinem guten Stern: Es gibt noch Hoffnung für eine künftige Medienlandschaft, in der vielleicht auch wieder Meinungsvielfalt Raum findet.
jury 5* A0755 18.10.2011eg 20A 5F
[1] SPON 08/2010
[2] Wikipedia, Stand 2010
[3] brand eins 05/2009, Falko Müller
[4] Wikipedia
[5] taz.de, 08/2010