Der siebzehnjährige Phil führt ein ungewöhnliches, chaotisches Leben. Er bewohnt mit seiner Zwillingsschwester und seiner Mutter eine alte Villa am Rande einer provinziellen Kleinstadt. Am Rande im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die anderen Bewohner meiden Phil und seine Familie.
Eine Vielzahl zwar ungewöhnlicher und seltsamer, doch liebenswürdiger und warmherziger Menschen spielt in Phils Alltag eine Rolle. Phils Schwester Dianne spricht mit Tieren, geht nachts schwimmen, ist unnahbar, verschlossen, ablehnend, ja gleichgültig. Die Mutter Glass, die von ihren Kindern ausschließlich mit ihrem Vornamen angesprochen werden möchte, ist alles andere als eine Bilderbuchmutter. Körperliche Zuwendungen sind selten, diese beanspruchen ihre wechselnden Liebhaber. Der Vater, Nummer drei auf der Liste Glass? Partner, ist den Kindern unbekannt. Dann ist da noch Gable, der einzige Verwandte. Ruhelos bereist er die Welt und verletzt sich selbst, um nicht zu vergessen. Kat, Phils beste Freundin, lernte ihn als Leidensgefährten in einer Klinik kennen, wo ihnen die abstehenden Ohren angelegt wurden. Annie Glösser, die mit roten Schuhen durch die Straßen tanzt, bringt Phil, achtjährig, bei, sich ein schönes Gefühl zu bereiten. Außerdem sind da noch Tereza, die lesbische Anwältin und beste Freundin von Glass, sowie der unglückliche Wolf, der, krank im Herzen und im Kopf, mit einem Gewehr auf Vogelnester schießt.
So ungewöhnlich die Personen sind, die Phils Leben bestimmen, so außergewöhnlich sind auch die Geschichten, die er erlebt. Phil und Dianne ? noch Kinder ? und Glass helfen Tereza dabei, die Leiche ihres Vaters mit Kartoffelsäcken zu tauschen, um dessen letzten Wunsch zu erfüllen, in seinem Garten begraben zu werden. Eine kindliche Schlacht zwischen den Hexenkindern Phil und Dianne mit den Stadtkindern wird geschlagen, bei der sich Dianne schützend vor ihren Bruder wirft und mit einem Messerstich bezahlt.
Und schließlich verliebt sich Phil in den Schwarm seiner Schule - Nicholas. Es beginnt eine Zeit der Entdeckungen, Enttäuschungen und Entscheidungen.
In Andreas Steinhöfels ?Die Mitte der Welt? ist zentrales Thema das Erwachsenwerden, der Übergang vom Kind zum Jugendlichen und die damit verbundenen Konflikte und Probleme, von letzten kindlichen Riten hin zur ersten Liebe, ein Erwachen.
Die Liebe des Hauptprotagonisten Phil zu einem Jungen spielt keine dominante Rolle. Steinhöfel stellt sie in absoluter Selbstverständlichkeit dar. Auch wenn der Autor Andreas Steinhöfel den Jungen Phil in den Mittelpunkt seines warmherzigen Buches gestellt hat, vernachlässigt er in keinem Moment die anderen Figuren, da sie zu wichtig sind, um den Helden zu formen.
Die Andersartigkeit, das Außenseiterdasein Phils und seiner Familie und die Personen die ihn umgeben im Gegensatz zu den normalen Stadtbewohnern, den Gewöhnlichen, dem Klein- oder Spießbürgertum macht das Buch zu einem stillen Aufruf für Toleranz, ja Akzeptanz, Menschlichkeit, für ein Miteinander. Dabei ist es von brisanter Aktualität als auch völlig zeitlos.
Steinhöfel gelingt es aufzuzeigen, was fehlende Kommunikation anrichtet, was es bedeutet wenn (familiär) kein Austausch mehr stattfindet. So hat die ohnehin gefühlskalte Mutter ihren Kindern siebzehn Jahre lang verschwiegen, dass nicht der Kindesvater sie verlassen hat, sondern sie ihn.
Steinhöfel thematisiert, präzise beobachtet, Vaterlosigkeit, den Wunsch nach Nähe, Vertrauen und Betrug.
?Die Mitte der Welt? lässt sich nicht einordnen. Es ist eine Familiensaga, eine Tragikomödie, eine Geschichte vom Erwachsenwerden gleichermaßen, ein Buch über das Leben, ein stilles Buch ? trotz aller Schicksalsschläge im Leben Phils.
Schon lange lag das Buch auf meinem Lesestapel. So häufig wurde es mir empfohlen. Jedoch schreckte mich die buchhändlerische Zuordnung zum Jugendbuch stets ab.
Ich nahm die Aufgabe der Bewertung/Beurteilung eines Jugendbuches in Form dieser schulischen Aufgabe zum Anlass und las es.
Andreas Steinhöfels ?Die Mitte der Welt? ist großartig. Ein großes, beeindruckendes, mutiges und zeitloses Buch. Ich habe es so langsam als möglich gelesen, um die Sprache zu genießen, die vielen Details und scheinbar nebensächlichen Handlungsstränge wahrzunehmen, die vielen liebreizenden, so verschiedenartigen Charaktere zu erleben.
Ich habe gelacht und war begeistert, ich habe (mit-) gelitten und geweint.
Lesen!