Man kann natürlich trefflich darüber streiten, ob zeitgenössische deutsche Schriftsteller keine anderen Themen (mehr) finden als die Zeit des Nationalsozialismus. Tatsache ist, dass diese entsetzlichste Phase deutscher Geschichte in den Nachgeborenen nachwirkt - und damit hat das Thema m. E. durchaus weiter seine Berechtigung.
Als Leser oder Hörer nehmen wir teil an der Lebensgeschichte zweier Schwestern in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Welt, in die uns Julia Franck entführt, ist grausam, gefühlskalt und deprimierend. Dabei geht es um nichts weniger oder mehr als die Liebe, sei es zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder Liebespaaren.
Die "Mittagsfrau" ist eine mythische Gestalt als der slawischen Welt. Sie erscheint an heißen Tagen zur Mittagszeit und verwirrt den Menschen den Verstand, lähmt ihnen die Glieder oder tötet sie. Im Roman benutzt Helene den Mythos der Mittagsfrau, um ihren Sohn gefügig zu machen, der stets allein zu Hause bleiben muss. Sinnbildlich erleben wir in diesem Roman genau diese Lähmung der handelnden Personen, die als Konsequenz ihrer Furcht einzig im Rausch einen Ausweg sehen. Der Wahnsinn zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.
Die Hörbuchversion wird von Julia Franck selber gelesen. Auch hier kann man darüber diskutieren, ob es (immer) sinnvoll ist, dass ein Autor seine Werke selber liest. Denn schreiben und (vor-) lesen sind zwei völlig unterschiedliche Qualitäten. Gewiss, als Autor weiß ich am besten, wo und wie ich betonen will usw. Und als zeitgeschichtliches Dokument möchte man manches vom Autor selber vorgelesene literarische Werk gewiss nicht missen. Doch eine ausgebildete Stimme hat wesentlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten.
Fazit: Ein bedrückendes Werk, geeignet für all jene, die hautnah mit erleben wollen, unter welchen Bedingungen Menschen in Deutschland die 30er und 40er Jahre (über-) lebt haben.