Nein, Spaß macht die Lektüre dieses Buches nicht. Aber das kann ein gut recherchierter und schonungslos präsentierter Bericht über die Hintergründe der internationalen Hilfsorganisationen auch nicht. Daher muss man sich als Leser auf einige Passagen gefasst machen, die wir in Bilder kaum sehen und ertragen möchten. Der Autorin vorzuwerfen, sie solle doch den Ansatz von Infotainment wählen, wäre bei all der geschilderten Gräueltaten und politischen Verbrechen geradezu zynisch. Aber vielleicht wäre es gut gewesen, Linda Polman hätte ihr Nachwort vorgezogen oder Teile davon in ihr Vorwort eingebaut. Jedenfalls empfehle ich den Lesern, auf Seite 189 zu beginnen und mit den von Linda Polman gestellten Fragen an die Lektüre zu gehen. Andernfalls könnte es passieren, dass man sich schon bald sagt, künftig auf Spenden zu verzichten. Dann blieben zwar noch die zweistelligen Milliardenbeträge von Steuergeldern, die jedes Jahr für humanitäre Hilfe zur Verfügung stehen. Aber viel ändern würde sich dadurch wohl kaum.
Das Grundproblem humanitärer Hilfe ist so alt wie solche Hilfe angeboten wird. Die bekannte niederländische Journalistin und Spezialistin für internationale Hilfseinsätze, Linda Polman, stellt dieses Problem zu Beginn dar, indem sie die gegensätzlichen Meinungen von Henry Dunant und Florence Nightingale mit direkten Fragen an die Leser verbindet. Auf Hilfe verzichten oder sie abziehen, wenn sie ihr Ziel verfehlt und vor allem den kriegführenden Parteien dient? Oder wie der Gründer des IKRK meint, der Pflicht nachkommen, jederzeit und allen zu helfen, wie auch immer? Die Antwort fällt so schwer, weil das Umfeld einer Not so komplex ist und die persönliche Ethik von der eigenen Lebensbiographie stark beeinflusst wird. Linda Polman gibt der Versuchung nicht nach, die Zusammenhänge einfacher zu schildern, als sie sind, um ihren Lesern die Antwort abzunehmen. Sie rüttelt wach, macht auf Missstände aufmerksam, zeigt verhängnisvolle Mechanismen auf und lässt Leute zu Wort kommen, die mitten im Geschehen und nicht am Schreibtisch waren, wenn man Menschen mit Waffen verstümmelte und ermordete, die mit erpressten oder geklauten Gelder von Hilfsorganisationen bezahlt wurden. Um Linda Polman zu glauben, musste ich all ihre angegebenen Quellen nicht lesen. Was sie recherchierte, wurde mir von hohen Funktionären solcher Organisationen bestätigt und entspricht vielem, was ich in Afrika selber gesehen habe.
Linda Polmans Buch wird die Welt nicht von heute auf morgen verändern. Aber es wird den Druck auf die Hilfsorganisationen hoffentlich erhöhen, sich unangenehmen Fragen zu stellen und externe Kontrollen mehr zuzulassen. Und vielleicht wird es in Einzelfällen sogar dazu führen, dass eine Spende ausbleibt, weil der Geber keine nachvollziehbaren Antworten bekommt, weshalb genau diese Hilfe absolut notwendig sei.
Mein Fazit: Die Autorin hat sich für den unpopulären Ansatz entschieden, Fakten nicht zu beschönigen und ihren Lesern auch schreckliche Bilder zuzumuten. Damit spielt auch sie mit Emotionen, um ein Verhalten auszulösen. Nicht um jemanden vom Spenden abzuhalten, sondern um zu erreichen, den Hilfsorganisationen ebenso wichtige wie unangenehme Fragen zu stellen.