Ich habe bereits die englische Fassung des Buches rezensiert. Ich gab dem Buch aus verschiedenen Gründen, die ich in der Rezension genannt habe, 5 Sterne.
Was mich hier an der deutschen Fassung stört, ist die Vermarktung als ein Buch, das intime Therapie-Gespräche enthalten soll. Rabbi Shmuley Boteach ist KEIN Therapeut. In seinem langen Vorwort zum Buch erläutert er ausführlich, wie er MJ kennen gelernt hat und wie daraus eine Freundschaft entstanden ist. Laut seinen Angaben wollte er Michael Jackson, der sich zu dieser Zeit an einem Tiefpunkt befunden haben soll, helfen. Boteachs Bericht ist natürlich subjektiv und es ist nicht belegt, dass der Rabbi für MJ tatsächlich eine so große Bedeutung hatte, wie er es darstellt. Dennoch sind die beiden während der angegebenen Zeit häufig miteinander gefilmt und fotografiert worden, was zumindest darauf schließen lässt, dass sie sich oft gesehen haben.
Die Tonbänder, deren Inhalt im Buch veröffentlicht wurde, sind nicht als Therapie-Gespräche aufgenommen worden, sondern sollten tatsächlich in einem Buch erscheinen. Dieses Buch sollte Michael Jackson, der sehr angeschlagenem Image litt, in einem neuen Licht präsentieren. Das Vorhaben scheiterte zunächst an einem Bruch zwischen Michael und dem Rabbi, später machten die erneuten Anschuldigungen auf Kindesmissbrauch die Veröffentlichung des Buchs unmöglich (Und da der Rabbi damals die "Gelegenheit" nutzte, um öffentlich gegen MJ zu wettern, hätte dieser vermutlich auch keine weitere Zusammenarbeit mit dem Rabbi in Erwägung gezogen). Die Echtheit der Tonbänder ist, denke ich, nicht zu bezweifeln - schließlich hat der Jackson Estate selbst nichts gegenteiliges Verlauten lassen und ein Gerichtsurteil, das das Gegenteil besagt, gibt es auch nicht.
Die posthume Veröffentlichung der Interviews ist dennoch fragwürdig, da Michael Jackson diese selbst vermutlich nicht veröffentlichen wollte. Sie dienten eigentlich als Vorlage für einen späteren Text. Dass sie nun dennoch veröffentlicht wurden, wäre zu verschmerzen gewesen, hätte der Rabbi nicht seine subjektive Seite der Freundschaft dargestellt und zudem Michaels Antworten ständig mit Anmerkungen versehen. Da MJ keine Gelegenheit hatte, dazu Stellung zu nehmen, bleibt beim Lesen ein bitterer Beigeschmack. Dennoch fand ich es sehr interessant. Ich habe zwar schon viele Bücher über MJ gelesen, auch viele Interviews etc. gesehen, doch entgegen manchen Meinungen hier hat mir das Buch trotzdem den Blick auf MJ erweitert. Und ich persönlich fand auch die Anmerkungen teilweise sogar hilfreich, da man umso mehr zwischen der Ansicht des Rabbis und der von Michael Jackson unterscheiden konnte. Der Rabbi selbst macht sich im Buch nicht unbedingt sympathisch und wirkt recht von sich selbst überzeugt. Da tut es manchmal richtig gut, zu lesen, dass Michael Jackson dessen Meinungen nicht immer geteilt hat.
Deshalb gebe ich der deutschen Fassung dennoch 4 Sterne - einen weniger als der englischen, da die Vermarktung als "Therapie-Gespräche" zum einen irreführend ist, zum anderen finde ich es unmöglich, auf derartige Weise die Sensationslust mancher Leute ansprechen zu wollen.