Von Mythologie zu Fantasy
Zwei Jugendbücher der besonderen Art
Wie unterschiedlich die literarische Bearbeitung von mythologischem Erzählgut ausfallen kann, wird geradezu exemplarisch nachvollziehbar anhand zweier Bücher, welche kürzlich in deutscher Übersetzung bzw. als Neuauflage erschienen sind und die beide keltisches Sagengut als Basis für ein Kinder- und Jugendbuch nutzen: die undeutlich modernisierte klassische Nacherzählung einer keltischen Sage ( «Der Prinz von Annun» von Claire French-Wieser ) und eine sprach- und bildgewaltige Fantasy-Geschichte, in welcher sich Landschaft und Brauchtum Irlands, Alltagsgeschichten, Märchen und die Welt der irischen Mythologie zu einem Roman verdichten, der nicht nur junge Leser(innen) in seinen Bann zieht, sondern der offenbar auch von Erwachsenen geradezu verschlungen wird ( «Die Meute der Morrigan» von Pat O'Shea ).
«Der Prinz von Annun», eine Erzählung aus der «Mabinogion» genannten Sagensammlung, aus deren Mitte später der Artuskreis hervorgegangen ist, stützt sich auf eine schriftliche Kurzfassung, wie sie im Hochmittelalter erstmals angefertigt wurde. Die Autorin nahm die auf wenige Seiten beschränkte Fabel dieser Sage als Ausgangspunkt, um sie für die «heutige Jugend neu zu erzählen». Weshalb sie sich für die Geschichte des jungen Königs von Dyfed und dessen Ausflug in die «Anderswelt», die Welt der Gottheiten und Toten, entschieden hat, scheint einen konkreten Grund zu haben: Die Erlebnisse von Pwyll, dem König von Dyfed, sind begleitet von einer Umwertung der bestehenden Gottheiten. Bisher wurde Modron, die grosse Mutter, als höchste Göttin verehrt. Doch der Brauch der Druiden, ihretwegen Menschenopfer darzubringen, hat die «neuen Stämme» verärgert, so dass sie sich ein neues Gottesbild, jenes des Vaters, geschaffen haben. Noch ist die Macht Modrons unwesentlich geschwächt, doch der Vermännlichungsprozess der Gesellschaft ist bereits unumkehrbar. Unter diesem Gesichtspunkt versucht Claire French-Wieser, Fragestellungen des heutigen Menschen in ihrer Erzählung zu berücksichtigen, was ihr jedoch nicht immer in überzeugendem Mass gelingt etwa bei der Einführung eines modernen Freiheitsbegriffs in das höfisch-monarchisch geprägte Umfeld der Erzählung.
Wie erfrischend unverkrampft erscheint im Vergleich dazu jener über 500 Seiten lange Schmöker, an welchem Pat O'Shea mehr als dreizehn Jahre gearbeitet hat. In «Die Meute der Morrigan» verlässt sie sich voll und ganz auf ihre Qualitäten als Erzählerin und schafft bereits auf den ersten Seiten eine spannungsgeladene Atmosphäre, in welcher zwei Kinder in der Landschaft von Connemara mit der Welt der Morrigan, der «Königin des Todes und der Zerstörung», in Kontakt kommen ebenso wie mit jener ihres Gegenspielers, des guten Gottes Dagda, «Herr der Erde und des Lebens». Von diesem Moment an wird alles möglich, Tiere sprechen und verwandeln sich in Menschen, Motorräder fliegen durch die Luft, und plötzlich auftauchende und wieder verschwindende Gestalten murmeln verschlüsselte Warnungen. Doch das ist erst der Anfang. Der zehnjährige Pidge und seine fünfjährige Schwester Brigit sind auserwählt, die Welt vor einer Machtübernahme der Morrigan zu schützen. Ihr Auftrag ist es zu verhindern, dass sich «der böse Grüne», Olc-Glas genannt, mit der wandlungsfähigen, dreigestaltigen Königin verbindet. Olc-Glas gilt es zu zerstören, weshalb die beiden Kinder in eine jenseitige Welt aufbrechen, um einen jener drei Blutstropfen zu suchen, welche die Morrigan in «uralter Zeit» im Kampf vergossen hat. Alle Kräfte des Guten werden ihnen bei der Suche behilflich sein, doch auch die Morrigan und ihre Diener, eine hinterlistige Hundemeute, bleiben den beiden Kindern stets auf den Fersen. Wenn Pidge und Brigit am Ende ihrer abenteuerlichen Reise Olc-Glas vernichten, haben sie nicht nur Gefahren aller Art, sondern auch unzählige Begegnungen der besonderen Art hinter sich.
Interessant ist übrigens die Tatsache, dass Pat O'Shea die guten Kräfte in ihrer Mehrheit als Männer auftreten lässt, während sich das Böse in den drei weiblichen Erscheinungsbildern der Morrigan präsentiert. Durch die unglaublich kreativen und phantastischen Möglichkeiten, welche die Gestalten der Morrigan in sich bergen, bekommen diese hexenähnlichen Weiber jedoch eine spielerische Kraft, die sie im Grunde fast interessanter macht als die langweiligen Verbündeten des guten Gottes Dagda. Ein Lesegenuss für alle, die Freude an kraftvollem und atmosphärisch dichtem Erzählen haben. Auch zum Vorlesen bestens geeignet.
Gerda Wurzenberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.