Sir Georg Solti gelang zusammen mit den Wiener Philharmonikern, dem Wiener Staatsopernchor und einem erstklassigen Sängerensemble im Oktober 1975 eine hinreißende Meistersingeraufnahme, die in ihrem dramatischen Livecharakter eine Referenzaufnahme zu nennen ist. Mit rhapsodischem Schwung und spritzigem Elan, aber auch mit elegischer Tiefe und edler Größe setzt Solti mit dem gesamten Ensemble Wagners Partitur dramaturgisch kongenial um. Dramaturgie - Klangdramaturgie: die Handlung rollt sowohl theatralisch als auch musikalisch ohne auch nur eine Sekunde in ihrem dramatischen Fluss zu stocken wie aus einem Guss ab. Die tiefen Streicher grundieren solide und weich, fest und erdig, die hohen spielen famos auf, zum Tanz wie zum Meistergesang. Die Holzbläser meckern und verklären, das Belch glänzt und strahlt. Den Kontrapunkt - nie zu sehr im Vordergrund des Klanges - orgeln bisweilen die Pauken. Die Meistersinger - ein mit A.Kraus, G.Nienstedt, K.Rydl u.a. hochkarätig besetztes Ensemble im Ensemble - haben einen fulminanten Einstieg im Ersten Akt mit einem grandiosen ersten Aktfinale. Der Zweite Akt ist eine filigrane und schwüle Nachtmusik mit wunderbar ausmusizierten Harmonien und Klanggeweben und einer gestochen scharfen, exzellent dargebotenen chaotisch-geordneten Schlussfuge (Prügelszene). Der Dritte Akt ist eine Krönung in zwei Teilen: die kammermusikalische Erfindung des Preisliedes im Haus des Hans Sachs mit dem die Menschen verklärenden Quintett vor der Verwandlung zum Schlussbild der Festwiese, auf der Beckmesser (B.Weikl) tragisch scheitert und Stolzing (R.Kollo) sich die Braut ersingt und obendrein der deutschen Kunst von Hans Sachs (N.Bailey) ein Loblied gesungen wird - ein sattes, ein in jeder Hinsicht sättigendes Finale dieser Aufnahme. Einzelne Sänger und ihre Darsteller: eine solide Magdalene (J.Hamari), ein humorvoller, vor allem aber auch ein warmer David (A.Dallapozza), ein gediegen orgelnder Pogner (K.Moll), ein lyrischer und zugleich heldisch auftrumpfender Stolzing (R. Kollo), eine hinreißend glaubwürdige und weibliche Eva (H.Bode), ein Beckmesser, der durch Weikls Aussingen der Partie nicht versungen und vertan hat, sondern seine menschliche Würde zurückerhält (ein wahrer Verdienst in der Geschichte der Beckmesserpartie), aber trotzdem als Figur im Stück tragisch scheitert, sowie ein Sachs (N.Bailey), der ohne elitären Stolz, sondern mit weiser Wärme und Würde Evas entsagt und Menschen zusammenführt (Eva, Stolzing, eine Gemeinschaft von Musik- und Kunstliebhabern) - das alles klingt in Baileys Stimme, vor allem auch im Flieder- und im Wahnmonolg. Fünf Sterne für alle diese Sternsinger.