Diese Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt von den Bayreuther Festspielen 1998 und aus mehreren Gründen sehr hörenswert:
Daniel Barenboim kann sich erlauben, die Meistersinger wieder so zu dirigieren, als hätte es die problematische Aufführungsgeschichte gerade dieser Oper nie gegeben. Es ist sehr erfrischend, sie wieder einmal so fröhlich, unvergrübelt und festlich zu hören. Barenboim wählt teilweise flotte, aber nicht extreme Tempi und lässt das Orchester bei aller rhythmischen Stringenz so ungeniert im Klang schwelgen, wie man es seit Furtwängler nicht mehr gehört hatte. Dank der Akustik des Bayreuther Festspielhauses mit dem verdeckten Orchester brauchen die Sänger trotzdem nicht zu brüllen, sondern werden auf dem Klang getragen.
Und diese Sänger sind es wert, gut gehört zu werden:
Peter Seiffert ist schlicht der ideale Stolzing: Eine kräftige, metallisch timbrierte jugendliche Heldentenorstimme mit glänzender, unforcierter Höhe und gutem Legato. Außer Ben Heppner habe ich nie einen Stolzing von ähnlicher Qualität gehört.
Robert Holl als Hans Sachs hat nicht ganz diese Klasse: Er gestaltet seine beiden großen Monologe sensibel und nachdenklich, kann auch die Volkstümlichkeit des Schusterlieds ("Jerum, jerum") überzeugend vermitteln, vermeidet übertriebenes Pathos im heiklen Schlussmonolog. Auf der anderen Seite ist Holls Stimme ist ein tiefer, weich timbrierter Bass mit wenig Kern. Damit fehlt ihm z. B. die erforderliche Giftigkeit in den Szenen mit dem Beckmesser. Vor allem aber liegen die höheren Passagen der Rolle für Holl nicht angenehm, er muss zwar nicht forcieren, klingt aber auch nicht entspannt. Eigentlich hat er mehr eine Pogner-Stimme, ist ein guter, kein idealer Sachs.
Emily Magee ist eine gute, wenn auch nicht mehr ganz jugendliche Eva - ihre Vorgängerin in Bayreuth, Renee Fleming (1996) wäre mir allerdings noch lieber gewesen.
Andreas Schmidt gibt den Beckmesser erfreulicherweise nicht als Karikatur, sondern als etwas aufgeblasenen Intellektuellen und tragische Figur - eine moderne, sehr überzeugende Darstellung. Endrik Wottrich - noch vor seinen fatalen Ausflügen ins zu schwere Fach - singt den David ungewöhnlich ernsthaft und mit heldischen Zügen. Birgitta Svendéns Magdalene klingt recht scharf und altjüngferlich - was aber zum Text passt ("die Alte ist's"). Matthias Hölle ist ein guter, würdiger Pogner, Hans-Joachim Ketelsen ein wunderbar aufgeplusterter Kothner, die übrigen Rollen sind mehr als rollendeckend besetzt.
Insgesamt ist dies eine der überzeugendsten Wagner-Aufnahmen der letzten zwei Jahrzehnte, mit einem anderen Sachs wäre sie sogar eine der besten überhaupt. Zu dem Preis mehr als eine Empfehlung.