Richard Wagner stellte sich von den Sängern seiner Opern einen "Deutschen Belcanto" vor. An dieser Radio-Aufnahme von 1967 hätte er sicher seine Freude gehabt, Auf keiner anderen Aufnahme der Meistersinger wird durchgehend so schön gesungen. Übermäßig dramatisch ist sie allerdings nicht:
Rafael Kubelik legt den Sängern einen weichen Orchesterteppich - nicht zu laut, mit mäßigen Tempi. Er betont so weniger die dramatischen und mehr die romantisch-zarten Seiten der Oper. Dazu passen die Sänger:
Thomas Stewart ist ein jugendlich-viriler Sachs mit einer einmalig schönen Stimme. Seit Friedrich Schorr und Hans Hermann Nissen ist die Rolle nicht mehr so elegant gesungen worden. Stewart ist sowohl in den philosophischen als auch den volkstümlichen Szenen überzeugend. Allenfalls klingt er etwas zu jung.
Sandor Konya singt den Stolzing mit träumerischem Ton und italienischem Stimmklang. Selten habe ich das Preislied liebevoller gehört oder das "Fanget an" jugendlich überschwänglicher. Ein bisschen weniger Akzent und etwas mehr Metall in der Stimme für das Finale des ersten Akts würden das Glück vollkommen machen. Gundula Janowitz passt ideal zu Konya - eine sehr sanfte, frauliche Eva mit silbern schimmernden Timbre.
Thomas Hemsley singt den Beckmesser mit fast tenoralem Schmelz ausnehmend schön und gestaltet die Rolle eher schmierig als giftig.
Dazu kommt mit Franz Crass ein fast zu sympathischer, einmalig ausdrucksvoller Pogner, mit Gerhard Unger ein bewährt quirliger David. Auch die restliche Besetzung ist ausnahmslos erstklassig.
Die Aufnahmetechnik ist sicherlich nicht so gut wie bei einer Plattenaufnahme, stört aber nicht, zumal die Sänger relativ weit in den Vordergrund gerückt sind, was ihnen Gelegenheit gibt, zu singen ohne forcieren zu müssen.
Fazit: Eine der schönsten Gesamtaufnahmen der Meistersinger, die einzige, bei der man bei den Sängern keinerlei Kompromisse machen muss. Ob sie auch so einmalig ist, dass der extrem hohe Preis gerechtfertigt ist, da bin ich mir nicht ganz sicher. Immerhin gibt es ja auch noch die zweite
Solti-Aufnahme, die insgesamt ganz wunderschöne (und sehr lebendige)
Sawallisch-Einspielung oder die leider derzeit nicht erhältliche Kempe-Aufnahme.