Verglichen mit der vorbildlichen Lotte Lenya-Edition der Bear Family Records kommt der Gisela May-Auswahl zu kurz. Man hätte ruhig zum Anfang ihre erste 25 cm LP mit Brecht/Eisler-Liedern komplett bringen können, da sie Gisela May am überzeugendsten als Eisler-Schülerin zeigt: schlicht, einfach und völlig ohne Allüren. In dem hübschen Textbuch erzählt May über ihre "sieben Todsünden", auf den CDs werden "Die sieben Todsünden" von Brecht und Weill nur amputiert gebracht. Schlimmer noch: Von den vier (kurzen) Wiegenliedern (einer Arbeitermutter) von Brecht und Eisler bekommt man nur zwei! Das ist fast Vandalismus. Dagegen hören wir "Augen in der Grossstadt" von Kurt Tucholsky in drei Versionen, wogegen ich an sich nichts einzuwenden habe.
Also: Der Brecht-Teil, auf dem sich Gisela Mays internationale Berühmtheit basiert, wird vernachlässigt, während show- und schlagerähnliche Nebensächlichkeiten eine viel zu grosse Rolle spielen darf.