Warum schreiben deutsche Historiker oft so langweilig? Dass es auch anders geht, beweist das Buch des britischen Historikers Frederick Taylor. Taylor holt weit aus, um sich seinem Thema zu nähern und beginnt mit der Gründung der Stadt Berlin, wie sie aufblühte und nach dem zweiten Weltkrieg darnierderlag. Subtil leitet er dabei auf die Lebensläufe der zukünftigen Opponenten über, geläuterte Kommunisten im Westen und unbelehrbare im Osten - Ernst Reuter, Willy Brandt, Walter Ulbricht, Grotewohl, Pieck und viele andere Beteiligte werden kurz aber mit ausreichendem Tiefgang dargestellt. Er schildert die Situation in der Stadt und wie Ulbricht im Schutze der Roten Armee die Macht im Ostsektor übernahm und seinen "Aufbau des Sozialismus" umsetzte.
Frederick Taylor gelingt es eine farbige, tiefgründige,spannende und facettenreiche Erzählung der Ereignisse vorzutragen. An vielen Stellen läßt Taylor Beteiligte sprechen und zitiert Politiker, Fluchthelfer, Flüchtlinge, verfolgte und viele andere mehr. Er schafft es beim lesen dieses Buches die Atmosphäre wiederzubeleben, die ich vor mehr als 20 Jahren empfand, als ich dem Wahnsinn und der Absurdität der deutschen Teilung in Berlin persönlich erfahren habe. An jeder Stelle merkt man aber auch die sorgfältige wissenschaftliche Recherche der Fakten.
Das Buch endet mit der Entwicklung nach dem Mauerfall, dem unspektakulären Tod des Mauerbauers Erich Honnecker und der heutigen, erschütternd positiven Verklärung der DDR Diktatur, die gerade unter jungen Deutschen im ehemaligen Osten laut einer aktuellen Studie so verbreitet ist. Vielleicht bedarf es einer Betrachtung von außen, das man zu der einfachen Erkentniss gelangt:
"Die DDR war ein Staat, der seine Bürger dazu ermunterte, sich gegenseitig zu verraten. Das Leben unter dem gnadenlosen, forschenden Blick der Stasi war aus hunderttausenden Verrätereien im privaten Bereich zusammengesetzt, die von Menschen begangen wurden, denen mit Vertrauen zu begegnen in jeder anständigen Gesellschaft möglich sein sollte. Das Leben in der DDR auf andere Weise zu sehen bedeutet, in einer rosarot gefärbten Traumwelt zu leben."(S. 526)
Fazit: Für jeden interessierten der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte ein nur wärmstens ans Herz zu legendes Buch. Flott und packend geschrieben ist es ein wirklich großes und würdiges Buch im Jubiläumsjahr des Mauerfalls.