"Es war eine Kundgebung beabsichtigt, und es wurde eine Revolte."
(Dr. Koball, Stabsarzt auf dem Panzerkreuzer HMS Sankt Georg vor dem Standgericht am 08.02.1918)
Am 11. Februar 1918, 06.00 Uhr, wurden Bootsmannsmaat Franz Rasch, Deckmatrose Anton Grabar und die Geschützmeister Jerko Sisgoric und Mate Bernicevic an der Friedhofsmauer von Skaljari bei Cattaro als Rädelsführer der Flottenrevolte in der k. und k. Kriegsmarine wegen "Empörung" nach § 157 ÖMStG standrechtlich füsiliert.
Vom Standgericht werden dem k. u. k. Armeeoberkommando in Baden folgende Ursachen für die Flottenrevolte der 6000 Matrosen des 40 Einheiten umfassenden Geschwaders gemeldet: Vollständige Vernachlässigung der Mannschaft seitens der Offiziere. Schlechte Verpflegung der Mannschaft bei luxuriöser Verpflegung der Offiziere. Benachteiligung der Mannschaft durch Zuwendungen der ihr gehörigen Verpflegungsartikeln zugunsten der Offiziersmenage. Mangelhafte Bekleidung und wenig Urlaub für die meisten seit sechs bis acht Jahren aktiven Matrosen, was u. a. ein Grund für die schlechte Verpflegung ihrer Familien ist. Drakonische Bestrafungen wegen kleiner Übertretungen. Unmöglichkeit der Vorbringung einer Bitte, kein Beschwerderecht.
Obgleich die Matrosen auf den Schiffen die Rote Fahne hissten, wollten die meisten von ihnen keine kommunistische Revolution, sondern in erster Linie ein Ende des sinnlosen Krieges und zurück zu ihren Familien. Obwohl sie die "Macht" gewonnen hatten, bekamen sie Skrupel, diese auch bis zur letzten Konsequenz auszuüben. Stattdessen ließen sie genügend Zeit verstreichen, damit ihre Empörung niedergeschlagen werden konnte.
Friedrichs Wolfs Drama "Die Matrosen von Cattaro" von 1930 greift mit dem historischen Ereignis in der Boka Kotorska jenen Zeitgeist der Jahre auf, die mit der russischen Oktoberrevolution 1917 begonnen hatten und mit/nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der jungen Weimarer Republik ihre Fortsetzung fanden. Als Mitglied des "Essener Zentralexekutivkomitee" und der späteren "KPD" (ab 1928) begeistert sich Wolf (1888-1953) für den "kompromisslosen revolutionären Kampf" und eine "ideologische Verankerung des Erreichten" mittels einer starken und straffen Organisation. Demgegenüber kritisiert er nicht nur jegliche pluralistische Diskussion, sondern negiert auch den Sinn von Mehrheitsentscheidungen und damit auch eine freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Für ihn ist alleine schnelles, entschlossenes und diszipliniertes Handeln erforderlich, um eine begonnene Revolution erfolgreich abzuschließen. Damit wird er zum dramaturgischen Wegbereiter eines linken Totalitarismus, den er dadurch auch eine Legitimation zu geben versucht. Weitere politische Bedeutung sollte das Stück infolge der Weltwirtschaftskrise im "Kampf gegen das zum Faschismus mutierte Finanzkapital" erlangen......
Neben der mittlerweile überholten ideologischen Zielrichtung und den historischen Ereignissen zw. 20. Januar bis 03. Februar 1918 bietet Wolfs Schauspiel vier ausgeprägte Protagonisten, wie den Sozialdemokraten Franz Rasch. Daneben sind "der Leutnant" als "Schinder" und der Fregattenkapitän mit seinen raffiniert psychologischen Methoden typisierte Charaktere. Der ehemalige Schiffsjunge und -arzt Wolf bietet zudem noch ein reichhaltiges Repertoire an "österreichisch-ungarischen Seemannsjargon".
Ungeachtet der Aspekte für historisch-politologische Diskussionen, sind "Die Matrosen von Cattaro" auch heute noch, insbesondere als Lektüre vor Ort (bei einem Besuch im Marinemuseum des zum UNESCO-Welterbe gehörenden, montenegrinischen Ortes Kotor) lesenswert. 5 Amazonsterne.