Kann man auf eine gemalte Frau eifersüchtig werden? Offensichtlich ja, denn in der ersten Erzählung dieses neuen Buches von Siegfried Lenz bringt ein Gemälde fast eine Ehe auseinander.
Die längste der Erzählungen handelt von einem an den Strand angeschwemmten Container mit Masken, die für das Völkerkundemuseum gedacht waren. Abends in der Kneipe werden die Tiermasken von den Einheimischen aufprobiert und sorgen nicht nur für viel Vergnügen, sondern plötzlich auch zur Verständigung zwischen verfeindeten Parteien. Diese Masken verbergen nicht, sondern bringen offensichtlich das Beste in den Menschen hervor. Und sie stiften eine Liebesgeschichte.
In der dritten Erzählung geht es um die Ehrung eines standhaften Kapitäns, der bis zuletzt auf seinem sinkenden Schiff ausgehalten hat. Auch hier geht es eigentlich wieder um Moral, was sich besonders im ehrlichen Umgang des Kapitäns mit der Ehrung zeigt.
Besonders nahe ging mir die vierte Erzählung, die in einem Krankenhauszimmer spielt. Ein Schriftsteller lässt mit seiner Frau das Leben des Sohnes, das er gerade aufgeschrieben hat, vorbeiziehen, eine Geschichte, die ein herzzerreißendes Ende hat.
Der Band schließt mit einem Interview über einen Film, der ein ungewöhnliches Leben behandelt.
Normalerweise lese ich Erzählungen nicht so gern, aber bei den Erzählungen von Siegfried Lenz ist das anders. Sie sind etwas ganz Besonderes und wirken, auch wegen des für Siegfried Lenz so typischen Tonfalls und Schreibstils, lange nach. Auf wenigen Seiten kann Lenz beschreiben, wofür andere Autoren einen ganzen Roman brauchen. Das gilt sowohl für die Tiefe der Charaktere als auch für die behutsame Anregung zum moralischen Denken.
Ich hoffe, dass der 85jährige Siegfried Lenz, der einer meiner Lieblingsautoren ist, noch sehr lange so wunderbare Bücher schreibt.