1. Venedig, Athen, Havanna, Altusried im Allgäu, der Süden Siziliens, Bari und die Schären um Malmö und Ystad, - Schauplätze großer Kriminalgeschichten und Arbeitsplätze erfolgreicher Kommissare. Marseille gehört seit Jaen-Claude Izzos großer Trilogie in diese Reihe, wenn es auch bisher im Bekanntheitsgrad hinterherhinkt.
2. Fabio Montale ist Kind dieser multikulturellen Stadt, Nachkomme italienischer Zuwanderer, aus kleinen Verhältnissen stammend, aufgewachsen in den Vorstädten, als Jugendlicher Mitglied einer Gang kleiner Verbrecher, vertraut mit den Problemen der Araber und Afrikaner, der Italiener und der Hispanos. Er liebt sein altes Viertel und diese große, sich rasant entwickelnde Stadt. Schade, dass dem Verlag ein Stadtplan zu umständlich war: Man hätte gerne die Stadtteile und Straßen gefunden und die Autofahrten verfolgt. In Gianrico Carafiglios Das Gesetz der Ehre liefert Goldmann eine hilfreiche Karte Baris.
3. Fabio Montale ist ein einsamer Wolf, wie Leonardo Paduras Mario Conde in Havanna oder Salvo Montalbano auf Sizilien, ohne die Fähigkeit zu einer dauerhaften Beziehung, schlampig, unbürgerlich, viel Alkohol konsumierend, umsorgt wie die beiden anderen von der mütterlichen Liebe älterer Frauen, die den Helden betreuen und bekochen. Ausführlich wird man über sizilianische, provencalische oder cubanische Rezepte informiert. Alle Kommissare sind Genießer, Kluftinger liebt seine Kässpatzen, Montale gegrillte Rotbarben und Sardinen im Blätterteig. Izzos Aufzählung der Getränke, die Montale konsumiert, liest sich wie ein Weinführer durch Frankreichs Regionen.
4. Keiner der Protagonisten ist ein so großer Musikkenner wie Fabio Montale: Auf fünf Seiten wird der Leser im Anhang der Trilogie genauestens über Fabio Montales Musik" informiert. Von Montalbano kennen wir seine Vorliebe für Verdiopern, Avvocato Guerrieri hört (bei Carafiglio) Mark Knopfler.
5. Jeder große Kriminalroman erzählt über mehr als über Verbrechensbekämpfung, die immer nur Aufhänger für umfangreiche und tiefschürfende Gesellschaftskritik ist: Korruption und Vetternwirtschaft in Athen und Sizilien, sozialistische Mängelwirtschaft in Cuba, organisierte Kriminalität in Bari und Marseille. Keine der genannten Geschichten greift aber so tief und ausführlich gesellschaftliche und politische Verwerfungen eines Gemeinwesens auf wie Izzos Marseille-Trilogie. Die Ausländerfeindlichkeit der FN, zerstörerischer Bauboom, Ghettobildung, globalisierte verbrecherische Finanzgeschäfte, Bandenterror. Der kleine, resigniert aus dem Dienst geschiedene, einsam gewordene Kommissar der letzten Erzählung muß den Kampf verlieren. Alle Freunde sind ermordet, die geliebten Frauen tot oder aus seinem Leben verschwunden, eine letzte Hoffnung auf Liebe kann sich nicht mehr erfüllen.
6. Brunetti und Kostas Charitos, Montalbano und Kluftinger ermitteln -anscheinend unsterblich- in weiteren Fällen. Montale ist am Ende der Trilogie tot, wie sein Schöpfer Jean-Claude Izzo. Ich hätte Honorine und Fonfon, die elterlichen Freunde, die Zigeunerin Lole, die schöne Kollegin Helene Pessayre, den Kneipier Ange gerne im vertrauten Ambiente wiedergetroffen, mit Montale Gianmaria Testa gehört oder Gedichte Cesare Paveses.