Meine Erwartungen waren ziemlich hoch, als ich dieses Buch zu lesen begann. Ich war auf eine sehr lobende Rezension der `Marseiller Trilogie' gestoßen, hatte dann auch hier bei Amazon Reaktionen begeisterter Leser gefunden und war gespannt auf Krimis, die so viel mehr als Krimis sein sollten. Manchmal sind hohe Erwartungen eher schädlich. Ich jedenfalls wurde in diesem Fall enttäuscht. Die ganze Trilogie werde ich nicht lesen. Band 2 und 3 bringen ja anscheinend nicht wirklich Neues.
Mir ging's so: Ich begann wohlgemut zu lesen, ganz darauf eingestellt, das Buch gut zu finden. Aber so jenseits von Seite 100 setzte langsam eine leise Ernüchterung ein, zuerst von mir noch verdrängt. Doch dann musste ich mir bald eingestehen, dass mir das Buch nicht so gefiel wie erhofft. Und die letzten 50 Seiten oder so las ich mit wachsendem Unmut - der wohl größer als unbedingt notwendig war, eben weil ich zuviel erwartet hatte. Jedenfalls störte mich jetzt fast alles.
Mein persönlicher Eindruck: Inhaltlich eine eher wirre und verwirrende und deshalb wenig spannende sex and crime-Geschichte mit vielen Namen, aber ganz wenig halbwegs eindrücklichen Figuren; stattdessen nicht wenigen Charakterklischees (der desillusionierte Polizist, der zuviel trinkt, die Prostituierte mit dem goldenen Herzen, die mütterliche Haushälterin, die Verbrecher, die tolle Kumpels sind, die Mafia-Figuren von der Stange, die rassistischen Finsterlinge, etc). Geschrieben in einem Stil, der hard-boiled sein will, sich aber zu oft in schicken, fast genüßlichen Zynismen ergeht und, schlimmer, zu nicht immer kitschfreien Sentimentalitäten neigt, mit nur gelegentlich geglückten, allzu oft aber effekthascherischen Sprachbildern. Das kann nicht alles an der Übersetzung liegen. So etwas wie künstlerische Darstellungskraft kann ich nur mit gutem Willen gelegentlich entdecken.
Wäre das alles in Los Angeles beispielsweise angesiedelt, wäre der Roman bestimmt nicht so gelobt worden. Dass er dem Leser das eher exotische und viel weniger abgegraste Marseille nahe bringt mit seinen Vorort-Siedlungen (statt amerikanischer Gettos), ist meines Erachtens der Grund, warum diese Trilogie so günstig aufgenommen worden ist. Man bekommt das Gefühl, eine neue Welt mit ihrer Atmosphäre und ihren Problemen kennenzulernen. Aber auch da scheint mir, dass zum einen die Schilderung von Atmosphäre sich ein bisschen oft auf das Nennen von Straßennamen beschränkt. Und ob andererseits die Darstellung der Situation und der Zustände im modernen Marseille realistisch ist, kann wohl kaum ein Kritiker beurteilen, ich natürlich eingeschlossen. Selbst wenn sie authentisch sein sollte, bedeutete das nur eine journalistische Leistung und machte das Buch nicht literarisch bedeutsam.