KALTE WELLEN SCHWAPPTEN über die Reling und rissen Falkin beinahe um. Sie umklammerte das nasse Holz also fester und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die regengepeitschte Dunkelheit. Ein Blitz durchzuckte den Himmel, und Falkin zählte leise vor sich hin. Eins... zwei... drei... vier... Plötzlich grollte der Donner, und zwar so laut, dass einem die Eingeweide zitterten. Aber es war schon eine Sekunde weiter entfernt als eben noch. Falkin atmete erleichtert aus. Ganz gleich ob sie dem Sturm davonliefen oder er ihnen, jedenfalls waren sie endlich auf der sicheren Seite.
Der Sturm war mörderisch gewesen: Wie ein riesenhaftes Tier war er aus der Nacht herangewirbelt gekommen und hatte die Mannschaft der Piratenschaluppe Vogelfrei völlig überrumpelt. Wenn sie den Kurs geändert hätten, wäre es ihnen vielleicht noch möglich gewesen, nur an den Ausläufern entlangzuschrammen, aber der Kapitän war stur geblieben. Eine Kursänderung hätte sie nämlich nur einen weiteren Tag von ihrem Ziel ferngehalten - und er war keineswegs bereit, eine Verspätung auch nur in Erwägung zu ziehen.
Sie hatten die Segel getrimmt und die Luken verschalkt, um das Toben zu überstehen. Es war nicht mehr als ein glücklicher Zufall, dass kein Mann über Bord gegangen war. Als sich das Wetter schließlich wieder beruhigt hatte, hatte Falkin so viele freigestellt, wie sie es sich erlauben konnte. Manche hatten sich für die Nacht in ihre Hängematten zurückgezogen; die Übrigen befanden sich unter Deck, räumten auf und sicherten Kisten und Fässer neu.
»Falkin! Komm rauf!«
Das Brüllen des Kapitäns glich einem Leuchtfeuer, das den strömenden Regen und den tosenden Wind durchdrang. Falkin bewegte sich vorsichtig über das Hauptdeck zum Bug und klammerte sich beim Gehen an den Tauen fest, um das Gleichgewicht zu halten. Sie hatte ihre Stiefel schon lange bevor der Regen begonnen hatte abgestreift. Ihre Zehen waren taub geworden, deshalb tastete sie sich vorsichtig über das glitschige Deck. Das schlimmste Unwetter war vorbei, aber die Schaluppe glich in der schweren See, die der Sturm aufgewirbelt hatte, noch immer einem durchgehenden Pferd.
»Falkin! Zur Hölle mit dir, wo bleibst du denn nur?« Kapitän Artemus Binns griff das Steuerrad mit beiden Händen; seine kräftigen Arme waren angespannt, um es ruhig zu halten. Er schüttelte den Kopf und warf sich die regendurchtränkten Strähnen seines grauen Haars aus dem Gesicht; dann entdeckte er seine Maatin. »Schön, dich zu sehen, mein Mädchen!«, brüllte er. »Eine Zeitlang hat sie so mit mir gekämpft, dass ich schon dachte, sie wollte in die Tiefe!«
Soll ich dich für eine Weile ablösen?« Sie griff nach dem Steuerrad, aber er ließ nicht los.
»Der Sturm lässt nach; ich hab sie schon im Griff. Es sei denn, du kannst mir eine stetige Strömung herbeipfeifen?«
Falkin sah sich um, aber niemand stand nahe genug, um zu lauschen. »Artie!«, sagte sie tadelnd.
Er lachte. »Ich mach doch nur Spaß, Mädchen. Ich dachte, ich hätt da was gesehen. Sei du meine Augen«, sagte er und wies mit dem Kinn auf das lange Messingfernrohr, das er sich unter den linken Arm geklemmt hatte.
Falkin nahm das Fernrohr, schlüpfte hinter ihn und lehnte sich gegen seinen breiten Rücken. »Wo soll ich denn hinsehen?«
»Nach Steuerbord.«
»Und was soll ich ...?«
»Ein anderes Schiff.«
»In Seenot?«
»Nein, ich glaube nicht. Ich bin ja ohnehin nicht gerade ... im Rettungswesen tätig.« Er grinste. »Sag mir einfach, welche Farben es geflaggt hat, wenn überhaupt welche .«
»Aye, aye, Käpt'n!« Falkin schob sich die schwarzen Zöpfe aus dem Gesicht, hob das Fernrohr ans Auge und starrte in die Weite. Die Vogelfrei schwankte noch immer heftig auf und ab; das Knarren ihrer Planken ließ eine unheimliche Musik entstehen, die Falkin aber gut kannte. Der Regen hatte die Linse des Fernrohrs verschmiert, aber weder dies noch die schlingernde See konnte verbergen, was sie da sah: einen riesigen Dreimaster, schwarz und rot gestrichen, mit gewaltigen roten Segeln, der den gleichen Kurs einhielt wie sie. Er schnitt glatt durchs kabbelige Wasser und sah trotz allem wie eine Königin aus, die ihren Auftritt hatte. Die Flagge, die schwer vom Masttopp flatterte, zeigte ein schwarzes, flammendes Auge im roten Feld.
»Verdammt, Artie, sie hat zwanzig Stückpforten allein auf dieser Seite. Ausgefallen bemalt oder nicht, sie ist jedenfalls ein ganz hübsches Ungeheuer.«
»Kannst du die Mannschaft erkennen?«
»Ja. Ein Bursche auf dem Achterdeck scheint zu glauben, dass er das Kommando hat.«
Er war hochgewachsen; sein honigblondes Haar flatterte offen im Wind und ahmte das Schlagen des dunklen Umhangs nach, der von seinen breiten Schultern hing. Seine Beine steckten in Stiefeln, die bis auf die halbe Höhe seiner Schenkel hinaufreichten, und blitzender Stahl funkelte an seiner Hüfte. Er hatte einen Fuß auf die Reling gesetzt, starrte in die Ferne und sah aus, als posiere er für ein Gemälde.
Plötzlich wandte er das Gesicht in ihre Richtung. Soweit sie es aus dieser Entfernung überhaupt feststellen konnte, sah er sehr gut aus, mit einem leicht diabolischen Lächeln. Er trat von der Reling hinunter, verschränkte die Arme, reckte die Brust und starrte sie so unverwandt an, dass ihr ganz unbehaglich wurde. Es war, als könne er sie sehen, hier draußen, in dieser Dunkelheit, ohne selbst ein Fernrohr zu Hilfe nehmen zu müssen. Er stemmte eine Hand verwegen in die Hüfte, hob die andere und winkte mit dem Finger, als wolle er »Komm her!« sagen. Falkin riss die Augen auf. Langsam ließ sie das Fernrohr an ihre Seite sinken.
»Na? Welche Flagge hat es gehisst?«
Falkin schluckte. »Keine, die ich je zuvor gesehen hätte, Artie. Ich hätte es für ein Handelsschiff gehalten, wenn es nicht bis an die Zähne bewaffnet wäre. Wenn es aber ein Kriegsschiff ist, gehört es zu keiner Marine, von der ich je gehört hätte. Und sein Kapitän da . dreht mir den Magen um.«
»Der Kapitän?«, fragte er. »Was stimmt denn nicht mit ihm?«
Mit bloßem Auge wirkte das Schiff nur wie eine schattenhafte Masse im Wasser, die Leute an Bord waren lediglich Schemen, die sich bewegten, ohne dass man sie in irgendeiner Form hätte voneinander unterscheiden können.