"Wie lächerlich, oberflächlich und unbedeutend, und gleichzeitig wie unbarmherzig sind doch die Faktoren, welche die Beziehungen zwischen den Menschen bestimmen! (...) Gerade weil wir wissen, wie schwer es ist, den anderen wirklich zu erkennen, und die damit verbundene Mühe oft scheuen, ziehen wir es vor, wie Blinde aneinander vorbeizulaufen.", sinniert der namenslose Ich-Erzähler zu Beginn des Romans. Diese Erkenntnis gewinnt er, nachdem er einem anderen Mann, der von der Masse der Gesellschaft eher nicht beachtet wurde, einem "ganz normalen Sterblichen ohne herausragende Eigenschaften, wie sie uns täglich zu Hunderten begegnen und denen wir kaum einen Blick schenken.", näher gekommen ist. Dessen Lebensgeschichte - die des Raif Efendi - erzählt er in diesem Buch und schärft dabei den Blick für das Individuelle, das Innere in einem Menschen.
Als neuer Angestellter im Unternehmen seines ehemaligen Schulfreundes wird der Ich-Erzähler in das Büro des Raif Efendi gesetzt. Dieser von allen nur herumkommandierte stille, oft kränkelnde, jedoch fleißige und pünktliche Mann, arbeitet als Übersetzer vom Deutschen ins Türkische. Stoisch lässt er alle Beschimpfungen über sich ergehen, ohne jemals gegen all die an ihn verübten Ungerechtigkeiten aufzubegehren. Auch zu Hause führt er ein untergeordnetes Dasein und lässt sich von seiner großen Familie ausnutzen.
Dieser Mann erregt dennoch die Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers und beide kommen sich langsam näher. Er weiß zwar immer noch nicht, was für ein Mensch er ist, aber dass er nicht der war, der er schien, ist er sich zunehmend sicher. "Wenn wir, statt diesen für uns undurchschaubaren Individuen jegliches Seelenleben abzusprechen, auch nur ein wenig neugierig wären und ihre verborgene Innenwelt zu erforschen versuchten, würden wir sehr wahrscheinlich auf überraschende Dinge, ja unerwartete Schätze stoßen." Ein kleines, geheimnisvolles, schwarzes Heft - ein rückblickender Lebensbericht Raifs - bringt ihm dessen wahre Existenz völlig ins Bewusstsein.
In den Zwanzigern von seinem Vater nach Berlin geschickt, um die Seifenherstellung zu studieren, lernt Raif Efendi jedoch etwas viel wertvolleres kennen: die tiefe Liebe zu einer Frau. Begonnen hatte alles mit einem Gemälde in einer Ausstellung, dem Selbstporträt der darauf abgebildeten Künstlerin - der "Madonna im Pelzmantel". Raif verliebt sich unsterblich in diese Abbildung ("Sie war eine Mischung, eine Verschmelzung aller je in meiner Fantasie lebenden Frauen"), bis er Nora Puder - die Malerin - persönlich kennenlernt.
Zwei äußerst individuelle Menschen treffen aufeinander: er, Raif, der stille, menschenscheue, undurchschaubare Träumer, der bis dato nur in seinen Büchern lebte und sie, Nora, die kapriziöse, wechselhafte, selbstbewusste und selbstbestimmende Frau. Doch trotzdem scheint es ganz so, als wenn eine Seele auf ihr Ebenbild getroffen wäre. Es entwickelt sich eine Nähe, die auf geistiger, gedanklicher Übereinstimmung begründet ist.
Doch ganz so harmonisch läuft diese innige Beziehung nicht ab. Zu sehr reiben sich die zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten aneinander. Dann geschieht etwas, das alles verändern sollte, allem eine neue Richtung gibt...
Nach der Lektüre dieses Tagebuches wird dem jungen Ich-Erzähler endgültig klar, dass dieser unscheinbare Raif Efendi endgültig in sein Leben getreten ist. "Noch nie habe ich die Gegenwart eines anderen Menschen so bewusst und lebendig in mir wahrgenommen.", sind seine Worte, die sogleich die letzten Zeilen des Romanes einläuten und denen man sich uneingeschränkt anschließen möchte.
Sabahattin Ali nimmt den Leser für Stunden gefangen, er zieht ihn in einen geradezu magischen Sog und verzaubert ihn. In luziden, tiefgeistigen, ja philosophischen Betrachtungsweisen schaut der 1948 auf bis heute unerklärliche Weise auf der Flucht nach Bulgarien ermordete türkische Hoffnungsträger der damaligen Istanbuler Literaturszene tief ins Innerste der Menschen und zeichnet gleichzeitig ein wunderbares Lokalkolorit des Berlins der Zwanziger Jahre mit einem neueren freieren Frauenbild.
Mit essentiellen, teils elegischen, teils hoffnungsfrohen, aber immer unprätentiösen Worten und Sätzen - wie eine grazile Decklasur - überzieht er seine Prosa und schafft so ein eigenständiges kleines Kunstwerk, das Melancholie, zuweilen gar Hoffnungslosigkeit, aber gleichzeitig auch Lebensfreude ausdrückt, manchmal wie ein Traum erscheint. Die Handlung tritt gegenüber langen inneren Monologen und Selbstanalysen zurück. Tiefe Einblicke in die menschliche Seele, wechseln mit detailreichen Naturbeobachtungen. Wortgewandt, manchmal spöttisch und selbstironisch, weiß Ali grandios sein Publikum zu umgarnen. Ein wunderbar besinnliches, kleines, feines Meisterwerk.
Fazit:
Sabahattin Ali hat ein meisterlich feingeistig-kraftvolles Werk geschrieben, das die innersten Seiten eines Menschen berührt und die sensiblen zum Vibrieren bringt. Ute Birgi hat seine Worte einfühlsam und ohne Identitätsverlust ins Deutsche übertragen.