Das grüne Niltal inmitten der Lebensferne der Arabischen und der Lybischen Wüste vermittelt wie wohl kaum eine andere Region der Erde den Gegensatz von blühendem Leben und Todesnähe. Es kann kaum wundern, daß sich im Alten Ägypten - nicht zuletzt bedingt durch diese geographischen Vorgegebenheiten - eine regelrechte „Kultur des Todes" entwickelte.Der vorliegende Bildband stellt plastisch und eindrücklich vor, wie sich die Vorstellungen vom „Leben nach dem Leben" von der ägyptischen Frühzeit - über Altes, Mittleres und Neues Reich sowie über die Spätzeit - bis zur griechischen und römischen Periode entwickelten. Ein Ausblick zum frühen Christentum in Ägypten zeigt, wie sich in der koptischen Kultur verschiedene Traditionen vereinigen.Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen die Hieroglyphen, die - der Grab- und der Tempelbeschriftung vorbehalten - dem Eingeweihten eine tiefe Weltkenntnis vermitteln. Das Wissen über das Wesen der Dinge, die Vertrautheit mit den Namen verleiht Macht und sichert Überlegenheit - auch über den Tod. Die ersten Pyramidentexte im Grab des Unas bürgen für das ewigen Leben dieses Pharaos. Die Sargtexte des Mittleren Reiches - z.B. das Zweiwegebuch - weisen durch die Gefahren der Unterwelt oder beschreiben die lebensfördernden Riten der Beisetzungsliturgien. Die Unterweltstexte des Neuen Reiches entziehen sich einer „Kanonisierung", sondern repräsentieren die ungebrochene und kreative Schaffenskraft bei der geistigen Bewältigung des Todes: Der Verstorbene begibt sich auf der Barke des Sonnengottes Re auf die Reise durch die einzelnen Stunden der Nacht.Das Buch beeindruckt mit den hervorragenden Abbildungen des Photographen Werner Formann. Er illustriert nicht nur, sondern fängt mit seinen Bildern anschaulich und lebensnah eine Gedanken- und Kulturwelt ein, die fünf- bis zweitausend Jahre zurückliegt. Stephen Quirke, Leiter der ägyptischen Sammlung im Britischen Museum, als Textautor beschreibt mit großer Fachkompetenz und mit viel Liebe für das Detail. Er stellt auch komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar dar, lediglich an einzelnen Stellen wäre etwas mehr sprachliche Prägnanz wünschenswert.Eine teilweise sorgfältigere Abstimmung zwischen Fließtext und Bildlegenden, vollständige Bildbeschreibungstexte und eine in allen Details einwandfreie Lithographie sollte bei einem Buch dieser Preislage selbstverständlich sein. Trotzdem bietet dieser niveauvoll ausgestattete Bildband einen großartigen Einblick in die „Totenwelt" des Alten Ägyptens: Die Lektüre lohnt.