Judith Butler setzt sich in diesem Buch mit Gerechtigkeitsfragen auseinander. Sie schließt hier an eine hegelianische Tradition - und damit auch an die Anerkennungstheorie von Axel Honneth - an, in der davon ausgegangen wird, dass das Begehren immer ein Begehren nach Anerkennung ist und dass wir alle nur durch die Erfahrung der Anerkennung zu sozial lebensfähigen Wesen werden. Bestimmte Menschen, so Butlers grundsätzliche Kritik, werden als eingeschränkt menschlich erkannt, weil sie nicht den kulturell erzeugten "Schemata der Anerkennung" entsprechen.
Butler verbindet Hegel jedoch mit Michel Foucault, indem sie davon ausgeht, dass die Anerkennung durch soziale Normen ein machtvolles Geschehen darstellt. Wenn ich z.B. durch eine bestimmte Form des Behindertseins als sozialer Kategorie bestimmt bin, werde ich dann noch als Teil des Menschlichen betrachtet? "Ich spüre vielleicht, dass ich ohne eine gewisse Anerkennbarkeit nicht leben kann. Ich kann aber auch das Gefühl haben, dass die Bestimmungen nach denen ich anerkannt werde, das Leben unerträglich machen. Das ist der Schnittpunkt, aus dem die Kritik hervorgeht..."(S. 13).
Was macht eine lebenswerte Welt aus? "Zu einem Thema für die Ethik wird diese Frage [...], wenn wir nicht nur die persönliche Frage stellen, was mein eigenes Leben erträglich macht, sondern aus einer Machtposition und vom Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit aus fragen, was das Leben anderer erträglich macht oder machen sollte" (S. 35). Laut Butler machen wir einen Fehler, wenn wir die rechtliche Anerkennung für eine angemessene Beschreibung dessen halten, worauf es ankommt. Denn rechtliche Anerkennung geht immer auch mit Idenditätsfestschreibungen einher.
Identitätszuschreibungen erfolgen über eine Körperpolitik. Der Körper hat unweigerlich eine öffentliche Dimension und wird im Schmelztiegel des sozialen Lebens geformt. Er verweist insofern auf eine besondere Verletzbarkeit und erfordert einen Kampf, der über die rechtliche Anerkennung hinausgeht und bei dem es darum geht, die Normen zu verändern durch die Körper erfahren werden. "Dieser Kampf ist z.B. für Behindertenpolitik entscheidend [...], insoweit sie die zwangsweise auferlegten Ideale, wie Körper sein zu haben, in Frage stellen. Das verkörperte Verhältnis zur Norm verfügt über ein transformatives Potential" (S. 52).
Butler geht es also nicht um Macht im juristischen Sinne, sondern "um die Wirkungsweise eines regulierenden Regimes, das ins Gesetz eingeht, zugleich aber auch darüber hinausreicht" (S. 97). Daher greift für sie der Kampf um Anerkennung als Person mit Menschenwürde zu kurz. "Eine antiimperialistische oder wenigstens nichtimperialistische Konzeption internationaler Menschenrechte muss in Frage stellen, was mit dem Menschlichen gemeint ist, und muss von den Mitteln und Wegen lernen, durch die es an kulturellen Aushandlungsorten übergreifend definiert wird" (S. 65).
Das heißt, dass die Kategorie (ich bleibe hier bei "Disability" statt "Gender") Behinderung "einer Überarbeitung aus unzähligen Richtungen unterzogen werden muss, dass sie aus den kulturellen Übersetzungen, die sie durchmacht, erneuert hervorgehen muss" (S. 354). Butler geht sogar so weit zu sagen, dass sie einen Raum für Umdeutungen schaffen will "für den Moment, in dem ein Subjekt - das kann eine Person oder ein Kollektiv sein - ein Recht oder einen Anspruch auf ein lebenswertes Leben geltend macht, obwohl eine solche Rechtsgrundlage noch nicht besteht, obwohl eine eindeutig ermächtigende Konvention nicht gegeben ist." (S. 354).
Im Unterschied zu Axel Honneth geht Butler also antinormativistisch vor. Die Schwierigkeit, die sie mit seiner an bereits geltenden Normen orientierten Theorie der Anerkennung hat, ergibt sich einfach "aus der doppelten Wahrheit, dass wir zwar Normen brauchen, um leben zu können, und gut leben zu können, und um zu wissen, in welche Richtung wir unsere soziale Welt verändern wollen, das wir aber auch von den Normen in Weisen gezwungen werden, die uns manchmal Gewalt antun, so dass wir sie aus Gründen sozialer Gerechtigkeit bekämpfen müssen" (S. 327). Die Auseinandersetzung zwischen Axel Honneth und Judith Butler steht noch aus. Wir dürfen gespannt sein.