Das vorliegende Werk ist ein Hybride zwischen Gesellschaftsanalyse und Kulturkritik. Die Autorin verwendet kultur- wie sozialwissenschaftliche Methoden und referenziert Psychologen ebenso wie Philosophen und Literaten.
Ausgehend von der Annahme, der Mensch sei ein 'instinktgestörtes Mängelwesen', das sich aufgrund seiner versagenden organischen Natur eine 'zweite Natur' verschaffen muß, entwickelt Gronemeyer die Ambivalenz der an die Stelle der Instinkte getretenen Bedürfnisse. Einerseits verschaffen sie dem Menschen die 'Fähigkeit zur Freiheit' und ein 'Bewußtsein seiner selbst', andererseits berauben sie ihn seiner Daseinsmächtigkeit und Selbsterhaltungsfähigkeit. Dies deshalb, weil 'die Macht' (Besitzmacht, diagnostische Macht, Risikoverteilungsmacht) die Fähigkeit besitzt, 'Knappheit' zu schaffen, und zwar in einem sich selbst erhaltenden Kreislauf: Bedürfnisse > Knappheit > Bedürfnisse. Produktionssteigerung beseitigt die Knappheit nicht.
Alle 'Grundbedürfnisse' der Macht sind unersättlich: Sicherheitsbedürfnis (> Totalisierung der Ver-Mittel-ung), Zeitbedürfnis (> Totalisierung der Beschleunigung), Bequemlichkeitsbedürfnis (> Totalisierung des Vertretungsprinzips), Anerkennungsbedürfnis (> Totalisierung der Konkurrenz). Dadurch daß Knappheit die Zuweisung von sozialem Rang erlaubt, gebunden an den Besitz von Gegenständen mit der Folge des Neides, wird Bedürfnisbefriedigung zur Illusion. In ihrer Typologie der Bedürfnisse unterscheidet die Autorin vor allem quantitative Bedürfnisse (richten sich auf den Statuswert der Gegenstände, schmälern oder zerstören die eigene Autonomie oder die anderer Personen) von qualitativen Bedürfnissen (richten sich auf den Gebrauchswert der Gegenstände, stehen im Dienst autonomer Tätigkeit und vernichten nicht die dazu erforderlichen Fähigkeiten).
Gronemeyer kontrastiert die völlige Entfremdung in der Industriegesellschaft mit dem 'Leben-in-Daseinsbedingungen' (Leben-in-Natur, -Tätigkeiten, -Gemeinschaft, -Zeit) wie es die Überflußgesellschaften der freien Wildbeuter angeblich führten, identifiziert in der Installierung der Gegensätze und der Abspaltung des Negativen (Krankheit, Leid, Trauer, Bösen, Schwachen, Irrationalen, Mühsal, Fremden, Unsichtbaren, Phantastischen) eine Grundoperation der Macht, aus der tödliche Langeweile, Nekrophilie, Abgestorbenheit zu Lebzeiten hervorgehen, und entwickelt in einer beeindruckenden Analyse die Dialektik zwischen Fähigkeiten, Persönlichkeitsbildung und (menschlicher wie nichtmenschlicher) Mitwelt.
Diesem unermeßlich wertvollen, inhaltsreichen und stilistisch brillanten kleinen Meisterwerk wünsche ich die denkbar weiteste Verbreitung. Es ist allerdings ergänzungsbedürftig:
1) Die These vom 'instinktgestörten Mängelwesen' Mensch geht auf die ältere Anthropologie (besonders A. Gehlen) zurück und wird heute nicht mehr vertreten. 'Mangelhaft' ist die Natur nur aus der Sicht menschlicher Ingenieure und Industriedesigner!
2) Die 'Conditio humana' erklärt sich aus der propositionalen Symbol- und Satzsprache, die Zeit-, Todes- und Kontingenzbewußtsein hervorbrachte, die Emergenz eines Werteuniversums mit unauflösbaren Wertekonflikten zur Folge hatte und die narrative Dauergenese wertrationaler Gegenwirklichkeiten ermöglichte.
3) Soll der von Gronemeyer verwendete Kollektivsingular 'Macht' keine anthropologische Konstante sein, ist er erläuterungsbedürftig.
4) Der moderatere Umgang von Tribalkulturen mit ihrer natürlichen und sozialen Mitwelt ist alleine ihrer Wirtschaftsweise geschuldet und nicht ihrer moralischen Überlegenheit. Die daseinsmächtigen und selbsterhaltungsfähigen Natureinwohner sind größtenteils Fiktion.
5) Phasenübergänge wie die Seßhaftwerdung und die Industrialisierung verdanken sich keinen autonomen Willensentschlüssen, sondern waren unverfügbare Entwicklungen mit irreversiblen Folgewirkungen. Gronemeyer soll erklären, wie mit der gegenwärtigen Bevölkerungsdichte Arbeitsteiligkeit verhindert und ihr Authentizitätsimperativ nichtbedürftiger, befähigter und integrierter Individuen HEUTE erreicht werden kann.
6) Das Leben IST zwischen Geburt und Tod eingezwängt, und wenn dem 'Hüben' kein 'Drüben' entspricht, dann IST der Tod Auslöschung. (S. 142/143) Richtig! Aber wofür plädiert Frau Gronemeyer hier? Für die Wiedererrichtung metaphysischer Geltungsansprüche?
7) Weitere metaphysische Altlasten und Aufklärungsdefizite bemerke ich, wenn sie behauptet, eine fähige Person habe einen 'Sinn für Stimmigkeit', für das was 'richtig' und 'gut' ist (S. 170). Hier handelt es sich hier um typisch idealistische Worthülsen, die mit beliebigem Inhalt befüllt werden können.
Literatur, die ich an der 'Conditio humana' interessierten Lesern dringend ans Herz lege:
Paläoanthropologische Grundlagen: MITHEN, Steven:
Prehistory of the Mind: A Search for the Origins of Art, Religion and Science (1996), derselbe:
Singing Neanderthals: The Origins of Music, Language, Mind and Body (2006): Zur Bedeutung der Sprache für die Anthropogenese: EIBL, Karl:
Animal Poeta - Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie (2004) und TUGENDHAT, Ernst:
Egozentrizität und Mystik: Eine anthropologische Studie (2003). Das bedeutendste Werk der Weltanschauungsanalyse und Ideologiekritik: TOPITSCH, Ernst:
Erkenntnis und Illusion: Grundstrukturen unserer Weltauffassung (1988²). Und ein notwendiges Korrektiv gegen weltfremde Idealisierungen der 'Naturvölker': GIRARD, René:
Das Heilige und die Gewalt (1972¹, 1987).