Maja Storch & Gunter Frank: Die Mañana-Kompetenz, Piper Verlag München
Die "Mañana-Kompetenz" ("mañana": spanisch für "morgen") läuft dem "Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"-Geist zuwider und damit dem Effizienz- und Produktivitätssteigerungs-Machbarkeitswahn und dem hektischen Druck, der unsere Arbeitswelt in weiten Bereichen kennzeichnet und leider auch schon als Lebensmaxime in den Bereich des Privaten eingedrungen ist, wo man sich ein Leben ohne "sinnvolle" Aktivitäten (eigentlich meint man oft Aktionismus) gar nicht mehr ohne schlechtem Gewissen hingeben mag.
Das hat zu solchen gut gemeinten aber eigentlich widersprüchlichen Begriffen wie "Work-Life-Balance " geführt, der zwar als menschenfreundliche Besinnung auf den Freizeitbedarf der Arbeitnehmer gemeint ist (oder verkauft wird), aber doch endgültig sprachlich manifestiert, dass Leben etwas vom Arbeiten getrenntes ist und beides gegeneinander ausgewogen gehöre. Also leben wir nicht, wenn wir arbeiten (, um uns schließlich tot zu arbeiten,) und arbeiten wir nicht, wenn wir leben?
(Schade, dass die Marketingstrategen diesen modischen Begriff auf das Backcover werfen mussten, was dem Anspruch des Buches nicht gerecht wird.)
Ein weiterer im Zusammenhang von "Manager" und "Karriere" gerne genommener Begriff (was nicht seine inhaltliche Berechtigung herabspielen soll !) ist "Burn-Out", das psychische Resultat dieser Mentalität.
Das Buch setzt nicht bei der Behandlung von Burn-Out Betroffenen an sondern sinnvollerweise davor, bei der Einstellung & Lebensweise, die zum Burn-Out führt und zwar auch und gerade bei denen, die ihren hektischen Aktionismus als positiv empfinden, die meinen, sie würden gerade auf einer Welle des Erfolgs surfen und dabei zu Getriebenen werden und irgendwann zu den Ausgebrannten gehören könnten. Allerdings: wird diese Zielgruppe das Buch lesen? Aber keine Angst, man muß sich nicht als erfolgreicher Manager fühlen, um von diesem Buch zu profitieren.
Das Autoren-Duo hat sich zur Arbeitsteilung entschlossen: Maja Storch für die mehr psychologischen, Gunter Frank für die mehr medizinischen Themen, bei den einzelnen Kapiteln ist sogar gekennzeichnet, wer dafür verantwortlich zeichnet. Doch das Ergebnis wirkt absolut harmonisch, ein ausgewogenes Geist-Körper-Verhältnis sozusagen und durch die Aufteilung nach den Qualifikationen der Autoren wirkt alles kompetent, es werden auch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zitiert. Trotzdem bleibt die Sprache immer lebensnah und sehr lesbar.
Besonders gefallen hat mir im psychologischen Teil die Darstellung, wie man unter dem durchaus als positiv empfundenen Dauerstress den Kontakt zu sich selbst verliert und in Wirklichkeit infiltrierte Fremdziele (Selbstinfiltration) verfolgt. Mit größter Begeisterung. Bis eben zum Zusammenbruch.
(Hier werden oft Arbeiten von J. Kuhl zitiert. Dieser hat zusammen mit J.-U. Martens das Buch
Die Kunst der Selbstmotivierung: Neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen, in dem wunderbar der Wert sogenannter "negative" Gefühle zum Problemerkennen und -lösen erklärt wird und wie doch nur durch Wiederherstellung positiver Gefühle Selbstwachstum und Selbstwirksamkeit erzielt werden können.)
Im "medizinischen" Teil erfahren wir eingängig beschrieben das dynamische Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus, wie wir durch Dopamin, Endorphin, Adrenalin, Serotonin und Cortisol auf körperlicher Ebene zwischen Aktivität und Entspannung hin- und hergeworfen werden, wie nützlich dieses System in seiner Entwicklungszeit in der von Raubtieren durchstreiften Savanne war und wie schädlich das in unserer jetztigen Zeit in der Savanne der Büros & Haushalte ist, durch die nun unfähige Chefs und rücksichtslose Kollegen streifen.
Hier sollte die eigentliche Balance ansetzen: Sympathikus vs. Parasympathikus, aber beides eben in Arbeit UND Leben. Und hier müssen wir eben wieder mit unserer Psyche- also zunächst durch Verständnis der Zusammenhänge mit Hilfe dieses Buches- ansetzen, um uns vor uns selbst (oder was wir für uns selbst halten) zu schützen.
Die idealen Methoden, zu sich selbst und zur Ruhe zu kommen, sind hochgradig individuell. Deswegen bietet das Buch einen Test zur Bestimmung der persönlichen Mañana-Zone an. An dieser Stelle finde ich das Buch etwas schwach, es gibt drei Ebenen (Konstitutionsebene: Wärme-/Sportneigungen; Temperamentebene: Erregbarkeit/Aktivierbarkeit; Bedürfnisebene: Sozialer Rückhalt/Intellektuell-musische Bestätigung). Das finde ich nicht sehr differenziert und der Test, um sich in diesem Feld einzuordnen, ist es mit drei Fragen zu jeder der sechs Ausprägungen auch nicht gerade. Aber wahrscheinlich ist es im Sinne einer entspannten Herangehensweise (und was sonst soll in diesem Buch vermittelt werden !), es nicht allzu kompliziert zu machen und Ansatzpunkte, um an sich zu arbeiten, bekommt man allemal !
Ich persönlich kann auch nicht alle Ansichten zur Ernährung (Stichwort: Diäten-Streß) und gesundheitlichen Aufklärung (Stichwort: Panikmache) teilen, aber die Kommentare sind auf jeden Fall bedenkenswert und passen gut ins Konzept des Lockerlassens.
Der Umsetzungsteil bietet wieder viele wertvolle Hinweise zur Aneignung von nützlichen Ritualen und zum Selbstpriming.
Besonders gut hat mir auch wieder das Kapitel "Mañana-Killerworte" gefallen, in dem es um unsere Selbstbeeinflussung durch unsere Sprache geht und welches schädliche Verständnis wir z.B. zum Wort "Glück" haben.
Ein Kapitel zum Fehlen und zum Bedarf von Mañana in der Gesellschaft schließt das Buch sehr gut ab. Möge die naive Hoffnung, Mañana-Prinzipien würden in unsere Gesellschaft Einzug halten, in Erfüllung gehen. Solange das nicht geschieht (und es wird lange dauern, Stichwort: ungebrochene Macht der Finanz-Heuschrecken) , kann jeder einzelne mit Hilfe dieses Buches seine persönliche Mañana-Kompetenz entwickeln und stärken !
Meine erste Folgerung aus den Lehren des Buches: ich habe die Sachbücher aus meinem Reisegepäck für den anstehenden Urlaub herausgepackt und Krimis reingepackt. Die Fachbücher kann ich später lesen. Mañana.
P.S.: Der Verlag hat sich entschlossen, in der Neuauflage den zum Inhalt überhaupt nicht passenden Untertitel "Entspannung als Schlüssel zum Erfolg" durch den meines Erachtens nur bedingt besser passenden Slogan "Auch Powermenschen brauchen Pause" zu ersetzen. Nichts gegen Marketing, aber diese Ratgeber-Plattitüde wird dem guten Inhalt des Buches nicht gerecht und außerdem ist so die Verknüpfung zu den bereits erfolgten (überwiegend positiven) Besprechungen verloren gegangen - man informiere sich also auch hier:
Die Mañana-Kompetenz: Entspannung als Schlüssel zum Erfolg