Sándor Márai (*1900 in der heutigen Slowakei, dem damaligen Österreich-Ungarn, gest. durch Freitod 1989 in San Diego, USA) war ein bedeutender ungarischer Schriftsteller. Er hat zahlreiche Werke ins Ungarische übersetzt (Trakl, Kafka). Márai musste ab 1948 ins Exil, bereiste daraufhin viele Länder (Italien, Naher Osten z.B.) und übersiedelte bald nach Amerika. Er war 62 Jahre mit Ilona Matzner, genannt Lola, verheiratet. Leider verstarb sie 1986 an einem Krebsleiden. Sein einziges Kind verstarb bereits mit 6 Wochen und kurz vor ihm verstarb auch sein Adoptivsohn Janos. Sein Freitod hängt höchstwahrscheinlich mit diesen Ereignissen zusammen.
Jedes Mal, wenn ich anfange, ein Buch von Sándor Márai zu lesen, kann ich nicht mehr aufhören. Sofort werde ich von seiner metaphernreichen Sprache und auch vom Inhalt gefesselt. Márai beschreibt in nahezu allen seinen Romanen nicht äußerliche oder oberflächliche Begebenheiten, schon gar nicht geographische Landschaften, sondern innere Gefühlszustände und Gedankenketten. Es geht fast immer um die Liebe zwischen Mann und Frau in all ihren Variationen. In diesem Roman geht der Autor über die Realität der konkreten Liebesbeziehung hinaus, indem er eine Tote, seine verstorbene erste große Liebe, auferstehen lässt. Den Geist der Toten projiziert er in eine ihm zunächst vom Aussehen her fremde, junge Frau. Als sich die zwei näher kommen, erklärt der Protagonist der Dame alles, auch wenn sie ihn zunächst nicht versteht. Die Gedanken kreisen alle um das Unbestimmbare, Ungreifbare, um das Mysterium des Lebenssinnes und des Todes. "Die Möwe" ist eine sehr schöne Geschichte, die an einigen Stellen auch die menschliche Natur beleuchtet. Für mich ist Sándor Márai ein großer Menschenkenner, der sich nicht scheut, über menschentypische Denk- und Verhaltensfehler zu sprechen. Er analysiert scharfsinnig die Absichten und Taten, aber auch das Aussehen der Menschen, samt ihrer Konventionsverhaftung. Dieser Roman ist besonders weich und schön geschrieben, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Die Übersetzung von Christina Kunze ist sehr gut gelungen.
Hier noch eine beispielhafte Stelle aus dem Roman:
Die Situationen wiederholen sich, du hast es selbst gesagt, und innerhalb der Situationen wiederholen sich die Personen und ihre Geheimnisse. Aber die Schattierungen sind unterschiedlich, und sie sind - das habe ich auch schon vor meinem siebzigsten Lebensjahr gelernt - sehr wichtig. Die Schattierung, siehst du, das bist du persönlich. Der Mehrwert, die Individualität, die nur dir gehört und in der du dich nicht wiederholst, die du mit niemandem teilst. Denn was du ansonsten bist und was ich bin, was unsere Lage ist und unser Geheimnis, wenn es so etwas gibt, all das folgt Gesetzen und ist Wiederholung - aber in der Schattierung unterscheiden wir uns, da werden wir blasse, schattenhafte Persönlichkeiten, also eigenmächtig. Hier beginnen wir, du und ich, in der Schattierung. Alles andere ist Gesetz. Dieses Gesetz kann man nur mit Demut betrachten, wie alles, was zu Gott gehört - und es gibt Menschen, die die Geschichte der Menschheit nur als primitive irdische Äußerung des Gesetzes der Wiederholung sehen können; es gibt Naturwissenschaftler, Historiker und Dichter, die den Menschen durch und durch unpersönlich sehen, als Wiederholung derselben Erscheinung in einem tragischen Theaterstück. Das ist eine überhebliche Betrachtung, selbst bei aller scheinbaren Demut.