Als ich das Buch zum ersten mal gelesen habe, hätte ich es am liebsten weggeworfen: Kein Spannungsbogen, Charakterskizzen statt Charakterzeichnung, der Protagonist ist keine Identifikationsfigur...etc.
Alle das, was andere Leser hier monieren, stimmt. Das Buch kann nicht uneingeschränkt jedem empfohlen werden. Aber empfehlen möchte ich es dennoch, denn es ist durchaus lesenswert, wenn man nicht unbedingt einen klassischen Abenteuerroman erwartet.
Ich habe es unlängst wieder zur Hand genommen, weil ich einige interessante Sachen zur nordischen Mythologie gelesen hatte und mein Interesse an den Wikingern neu erwacht war. Und siehe da: beim zweiten Lesen - mit dem entsprechenden Hintergrund - wurde die Sache ganz unerwartet doch interessant.
Die Anklänge an die Mythologie, die ich bei der ersten Lektüre - aus Unkenntnis - überlesen hatte, verleihen der Handlung Flair und Stimmung.
Der sachliche Tonfall, in dem wie selbstverständlich von Gewalt und Mord berichtet wird, ist nicht etwa zynisch, sondern spiegelt ein Wertesystem und Denken, das noch nicht, bzw. erst wenig vom Christentum beeinflußt ist.
Ganz sicher wird das Sittengemälde, das Hansen da zeichnet, nicht jedermanns Geschmack sein, und der Titelheld von Frans G. Bengtssons "Röde Orm" ist auch eher angetan, beim Leser Sympathie zu erzeugen als der häßliche Björn Hasenscharte - Aber das gehaltvollere Buch ist "Die Männer vom Meer" ganz sicher. Die Nordmänner dachten und fühlten vor tausend Jahren eben anders als wir. Das mag beim Lesen zunächst verstörend wirken, aber wenn man sich darauf einlassen kann und will (nicht immer leicht), dann ist das kleine Buch schon sein Geld wert.