Auf diese Idee muss man erstmal kommen: Die Originaltexte von 24 Evergreens, die schon die Oma morgens im "Wunschkonzert" hörte -- aber diesmal werden sie nicht vorgesungen, sondern von der ersten Garde der Sprecherzunft rezitiert, als handelte es sich um den Kronschatz der deutschen Dichtung. Michael Skasa hatte diese Idee, die so absurd nicht ist, wie es im ersten Moment scheint, denn die alten Texte haben oft doppelte Böden, die man in dem Genre nicht erwartet hätte. Skasa hat auch gleich die passenden Sprecher ans Mikrophon gebeten: Christl Berndl, Doris Schade, Rosemarie Fendel, Hans Korte, Helen Vita, Mario Adorf, Otto Sander, Rolf Boysen, Rudolf Wessely, Sunnyi Melles -- um nur einige zu nennen.
Wie das Booklet verrät, war es für die Profis zunächst garnicht so leicht, die Melodien zu vergessen und sich auf die Texte zu konzentrieren -- aber es ist ihnen gelungen, und wie! Sie machen Balladen, Gedankenlyrik und Moritaten draus, ein Lamento über eine in die Jahre gekommene Ehe ("Wo sind deine Haare, August?"), mit den Augen zwinkernde Liebesglut und elegischen Weltschmerz. Heidi Treutler und Axel Milberg verwandeln "Josef, ach Josef" in den etwas anderen Dialog über eine verhinderte Liebesszene. Es gibt sogar einen wilden Groschenkrimi, wenn Hans Korte den Kriminaltango vorliest und man die dunklen Gestalten in der Taverne mit sinistren Vorhaben so richtig vor Augen hat. Harald Leipnitz wiederum lässt mit "Nacht in Monte Carlo" den Charme entdecken, den Kitsch bei stocknüchternem Vortrag entwickeln kann. Kurz: Hier kann man bekannt Geglaubtes neu entdecken, denn jeder Text hat hier seinen eigenwilligen Charakter. Esprit, Charme und Witz haben sie sowieso alle miteinander.
Der von Anfang an faszinierte Zuhörer merkt schnell: Früher war zwar nicht alles besser, aber die Schlagertexte waren tatsächlich besser. Sie durften nämlich auch mal kitschig werden, solange sie geistreich waren, und obendrein hatten sie es faustdick hinter den Ohren. Ihre Verfasser (darunter Fritz Grünwald, Fritz Löhner-Beda, Alfred Grünwald, Fritz Rotter, Robert Gilbert, Kurt Feltz) hatten es ganz einfach drauf und konnten auch richtig witzig reimen (nur ein Beispiel: "Herr Maier / Himalaya"), fassten gelegentlich sogar die schiere Freude am Unsinn in Worte ("Mein Papagei frisst keine harten Eier"); damals noch ganz ohne postmodernen Anspruch und Abstand.
Für den Fall, dass der hingerissene Hörer nun die Melodie vergessen haben sollte, oder auch nur zum schieren Vergnügen spielt jeweils am Ende jedes Tracks das Spardosen-Terzett den Song kurz an, ganz im Stil der 20er Jahre.
Der Aufwand hat sich also gelohnt: Diese CD ist ein Volltreffer. Gebührend aufwendig ist auch das Booklet. Spektakulär aufgemacht ist es nicht, aber gediegen, mit Abbildungen damaliger Plattenhüllen und Fotos. Vor allem ist es prall gefüllt mit Hintergrundinformation zur Geschichte des Genres, zum Schicksal einstmals berühmter Komponisten und Texter, und natürlich mit Anekdoten aus dem Aufnahmestudio. Bleibt die Frage: Wann gibt's die Folge zwei, Herr Skasa?
Hier noch die 1a-Liste der 1a-Schlager. Es sind wirklich 1a-Schlager:
Ausgerechnet Bananen / Was macht der Maier am Himalaya / Hamse nich ne Braut für mich? / Ich bin eine Frau, die weiß was sie will / Eine Nacht in Monte Carlo / Schöner Gigolo / Josef ach Josef / Leb wohl, mein kleiner Gardeoffizier / Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn / Veronika, der Lenz ist da / Was machst Du mit dem Knie? / Ich habe das Fräulein Helen baden sehn / Die Männer sind alle Verbrecher / Salome / Wo sind Deine Haare, August? / O mia bella Napoli / Was kann der Sigismund dafür? / Ein Freund, ein guter Freund / Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben / Mein Papagei frisst keine harten Eier / In Nischi-Nowgorod / Das alte Haus von Rocky Docky / Lieben Sie Parties? / Kriminal Tango