Plötzlich befinde ich mich mit auf dem Weg...Sehe mich hautnah neben einer Frau, die mit Ablehnung, Misstrauen, Einschüchterungsversuchen, mit heftigen Emotionen konfrontiert ist. Spüre ihre Verzweiflung und unbändige Stärke und ihren immensen Wunsch, die Wahrheit zu finden und ihr zum Sieg zu verhelfen.
Dieses Buch über die Aufdeckung des Missbrauchs an einem 14-jährigen Mädchen durch den Ortspfarrer wühlt auf.
Denn hier passiert Aufdeckung. Nicht bloß die Aufdeckung der nackten Tatsache des Missbrauchs, sondern die Aufdeckung von Mechanismen und Strukturen, die Missbrauch ermöglichen. Mechanismen, die von lebenden Personen und Personengruppen getragen sind. Aufdeckung von Zusammenhängen zwischen der Geschichte der Mutter und der Geschichte der Tochter. Aufdeckung der tabuisierten Bereiche des Lebens, deren übliche Geheimhaltung Missbrauch stützt. Und letztendlich Aufdeckung der Macht der inneren Stärke und der Treue zu sich selbst.
Heidi Schmideder geht mit Gefühl und Verstand gleichermaßen an die Geschehnisse heran. Sie lässt ihre Gefühle mit größter Ehrlichkeit zu. Sie reflektiert die Ereignisse. Sie holt Informationen ein, um die Vorgänge zu verstehen. Und so halte ich als Leserin ein Buch in den Händen, das neben der dramatischen Geschichte wichtige, grundlegende Informationen zum Thema Missbrauch gibt. Täterprofile, Täterstrategien, Auswirkungen von Missbrauch werden aufgezeigt Rechtliche Vorgehensweisen werden geschildert. Auf therapeutische und beratende Einrichtungen wird hingewiesen.
Als Leserin befinde ich mich mit auf dem Weg und vollziehe im Fluss der Ereignisse eigene Schritte. Fragezeichen entstehen in mir und werden im Weiterlesen gelöst. Zweifel kommen auf und weichen neu gewonnener Gewissheit. Gefühle wirbeln hoch.
Das dumpfe Geheimnis, das Missbrauch wie eine dunkle Decke umgibt, wird gelüftet, die Decke mit klarem Griff weggezogen.
Am Ende des Buches ist mir klar, wie einzelne Personen durch ihre Angst, durch ihr Schweigen, durch Verzerrung der Tatsachen, durch Loyalität zu Autoritäten den Raum schaffen, in dem Missbrauch geschehen kann. Es ist mir klar, wie hierarchische Institutionen Macht ausüben und Missbrauch ermöglichen und schützen. Es ist mir klar, wie Verständnis und Information, wie Freundschaft , eine Frau stützen können, gegen diese Kräfte zu bestehen.
Und mir wird bewusst, dass die Konfrontation mit Missbrauch die eigenen Wunden berührt. Denn wie Heidi Schmideder auf ihrem Weg ihre eigenen Verletzungen entdeckt, so kann ich auch als Leserin, die sich ehrlich darauf einlässt, diesen Weg mitzugehen, zu den verborgenen Teilen meiner eigenen Geschichte kommen.