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Ein Essay von Antonia Grunenberg
Deutschland ist ein seltsames Land. Fast jede öffentliche Debatte mündet zwangsläufig in eine Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit. Gehe es um Zuwanderung, Bekämpfung des Rechtsradikalismus oder Auslandseinsätze der Bundeswehr - die Last der Schuld erdrückt jede zukunftsorientierte Perspektive. Die Deutschen haben, so scheint es, eine (un)heimliche «Lust an der Schuld». Diese Diagnose stellt Antonia Grunenberg, Professorin für Politikwissenschaft in Oldenburg und Leiterin des dortigen Hannah-Arendt-Zentrums. Nichts spricht ihrer Meinung nach gegen eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, doch wenn eine Gesellschaft politisches Handeln mit Hinweis auf die Vergangenheit moralisiere, schwinde das Politische selbst, bleibe die Frage nach politischer Verantwortung für das Gemeinwesen unbeantwortet. Der Bürger sei dann kein citoyen, sondern blosses Mitglied eines Sozialverbandes. Kennzeichnend für das europäische Verständnis von «Schuld» sei die Mischung aus der hellenistischen Tradition, das Erinnerte an Orte zu binden, und der jüdisch-christlichen Verknüpfung von Erinnerung und Schuld. Das 20. Jahrhundert war laut Grunenberg, mit dem Ersten Weltkrieg beginnend, von «Schuld und Gedächtnis» geprägt, weil dem Kriegsverlierer Deutschland eine enorme moralische Schuld aufgebürdet wurde. So sei der «Grosse Krieg» trotz einem Friedensvertrag ohne «sittlichen Abschluss» geblieben, was ein wichtiger Grund dafür gewesen sei, dass zwanzig Jahre später erneut ein Weltkrieg begann. In dessen Zentrum steht jener «Zivilisationsbruch» (Dan Diner), für den «Auschwitz» zur Chiffre geworden ist. Wo Auschwitz zur «Gründungslegende ex negativo» gerate, könne sich jedoch kein republikanischer Geist entwickeln. Stattdessen dominiere eine auf die NS-Zeit fixierte Geschichtsbesessenheit bei gleichzeitiger Traditions- und Geschichtsvergessenheit. Der Versuch der «Achtundsechziger», alles besser zu machen als ihre Eltern, sei notwendig gewesen, um das «kommunikative Beschweigen» (Hermann Lübbe) der NS-Vergangenheit zu beenden, doch verdunkele der Wille zum Guten mitunter das politische Urteilsvermögen. Die Gewissheit darüber, was man verabscheue, könne einen positiven Begriff politischer Zivilisation nicht ersetzen, stellt Grunenberg ernüchtert fest: Die Politik dürfe nicht zur Geisel der Moral werden. Grunenbergs Plädoyer ist nicht im Duktus wissenschaftlicher Sachlichkeit geschrieben, sondern atmet jenen Geist staatsbürgerlichen Engagements, der in Deutschland selten ist. Daher sind überpointierte Urteile kein Manko, sondern geradezu notwendig, um eine öffentliche Debatte überhaupt erst zu ermöglichen. Trotzdem bleiben einige Kritikpunkte anzumerken. So scheint die Betonung der Instabilität der deutschen Demokratie bzw. ihre Abhängigkeit von guten Wirtschaftsdaten übertrieben. So arm an selbsttragender demokratischer Tradition ist Deutschland inzwischen wohl nicht mehr. Auch ist Grunenbergs - wenn auch mit sarkastischem Vorbehalt formulierte - These, die in der DDR in den Antifaschismus umgeleiteten Schuldgefühle hätten eine grosse, sinnstiftende Wirkung gehabt, wohl nur für einen kleinen Teil der ostdeutschen Gesellschaft zutreffend. Schliesslich bleibt auch unscharf, was an den gezeigten Entwicklungen «spezifisch deutsch» und was eher ein die westlichen Gesellschaften verbindendes Phänomen ist. Gerade die ausführlich beschriebene Auseinandersetzung in Frankreich um die Vichy-Ära relativiert die «exception allemande» durchaus. Grunenbergs Fazit kann man sich freilich nur anschliessen: Die «Lust an der Schuld» zeugt keine Liebe zur Freiheit. Der beste Schutz vor den Versuchungen des Totalitarismus erwächst vielmehr aus der Kraft eines demokratischen Gemeinwesens zur politischen Erneuerung, das sich von den Menetekeln der Vergangenheit warnen, aber nicht paralysieren lässt.
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