Ich erlebe es zugegebenermaßen nicht häufig, dass mich ein Buch wirklich verfolgt. Würde Friedrich Nietzsche noch leben, hätte er vermutlich dieses Buch geschrieben. Es ist kompromislos und es stellt die Grundpfeiler unserer zivilisierten, kultivierten und abendländischen Moralvorstellungen sehr radikal in Frage. Der Mensch erscheint hier als ein Lebewesen, das Gewalt nicht deswegen verübt, weil es ideologisch oder moralisch dazu getrieben wird, sondern als ein Lebewesen, das gerne aggressiv und gewalttätig ist. Ideologie, politische und praktische oder gar moralische Grundsätze erscheinen hier als der Rahmen, innerhalb dessen wir unseren Spaß an der Gewalt rationalisieren, mithin rechtfertigen.
Unter normalen Umständen würde ich sagen: Gut! Das ist eine Position, die man haben kann. Aber die Gegenposition ist doch auch irgendwie plausibel. Das Problem bei diesem Buch - und darum verfolgt es mich und macht mich mehr als nachdenklich - ist nur, dass Eugen Sorg sehr viel Ahnung von der Materie hat. Er kennt den Menschen nicht nur als Psychotherapeut, sondern auch als ein Mensch, der bereits sehr viele Kriegs- und Kriesengebiete besucht hat. Er hat persönlich in Erfahrung gebracht, wie Menschen ihre Verbrechen beschreiben und rechtfertigen. Er schöpft aus der Anschauung und dem direkten Kontakt. Darüber hinaus widmet er sich aber auch bereits bekannten Untersuchungen, wie etwa dem Milgram-Experiment und liest sie noch einmal neu. Dabei entdeckt er, dass unser aggressives und zerstörerisches Verhalten nicht nur auf Autoritätshörigkeit reduziert werden kann oder auf das Befolgen von Befehlen, sondern er weist minutiös nach, dass es mehr als nur vereinzelt auch "die Lust am Bösen" ist, die uns leitet.
Ich weiß noch nicht, ob ich dem Buch in allem glauben möchte. Aber dennoch hab ich selten in so klarer und fundierter wie schonungsloser Weise das Gesicht des Menschen zu sehen bekommen, das keiner von uns gerne vor sich her trägt. Selten stellt ein Buch so einleuchtend dar, auf wie dünnem Eis sich unser Rechtsstaat, unsere Kultur und das, was wir so stolz als Zivilisation preisen, eigentlich befindet. Ein wichtiges Buch und ein absoluter Lesetipp, dem ich, wäre es möglich, weitaus mehr als nur fünf Sterne geben würde!!!