Die Lusiaden sind sozusagen das Nibelungenwerk der Portugiesen und ihr Autor, Luís de Camões, der Goethe, Dante oder Shakespure dieses kleinen Landes am Rande Europas. 1572 zum ersten Mal erschienen, sind die Lusiaden auch eines der wohl wenigen Werke der Weltliteratur, mit denen eine Sage einhergeht, dass ihr Erschaffer, Luís de Camões, sie nämlich bei einem Schiffbruch vor Indien dadurch vor dem Wasser rettete, indem er das Manuskript auf dem Kopf hielt und die Lusiaden so vor dem Untergang bewahrte. Prinzipiell sind die Lusiaden ein typisches Beispiel europäischer Renaissanceliteratur, die ganz im humanistischen Sinne Anklänge an den Stil Homers erkennen lassen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Nationalepen erzählen sie die Geschichte Portugals von seinen Anfängen bis zur portugiesischen Seefahrt und ihren Eroberungen in Afrika und Asien. Bemerkenswert ist auch, dass Camões in seinem- immerhin vom damaligen König geförderten- Werk Kritik übt, z.B. an der Stellung der Künstler in Portugal, die keine Förderung erhalten und von kulturlosen Politikern und Staatsmännern, die, wie er schreibt anders als bei „Lateinern und Barbaren“, die Künste nicht fördern und schätzen. Sein Lebensweg, er saß lange in Haft, lässt auch schon erahnen, dass Camões eben nicht nur die Geschichte seines Landes idealisieren wollte (was er zweifelsohne tat), sondern dass er auch Kritik an seiner zeitgenössischen Gesellschaft übte, die zudem heute wieder hochaktuelle ist. Geschichtlich fällt Camões‘ Werk in die Zeit des Untergangs portugiesischer Größe, das dem glücklosen König Sebastian gewidmet ist, und idealisiert vielleicht deshalb auch vergangene Größe, deren restlosen Untergang Camões selbst nicht mehr erleben durfte, da er kurz vorher verarmt in Lissabon verstarb. Insofern ist es auch ein besonderes Werk, da es zu einer Zeit geschrieben und publiziert wurde, in der die darin beschriebene Bedeutung des Landes auf immer verloren war- vielleicht sind deswegen die Portugiesen auch noch heute so verliebt in Camões und vielleicht konnte er auch deshalb so bekannt werden und eventuell war es doch gerade dies alles, was auch diesen Mythos der wundersamen Rettung der Lusiaden vor Goa entstehen ließ. Interessant ist dieses Buch für alle, die sich für europäische Weltliteratur interessieren und/oder sich einen Einblick in die bedeutendsten Werke europäischer Nationalliteraturen schaffen wollen. Die insgesamt 10 Gesänge sind stark verkürzt und in Einschüben wird die „Geschichte dazwischen“ kurz erzählt, der Autor bzw. Übersetzer wählt sozusagen nur die wichtigsten Passagen aus. Dies genügt und wird durch ein recht gutes Erklärungsverzeichnis ergänzt, außerdem ist die Einführung recht gut, wenn auch antiquiert, da das Buch schon etliche Jahre alt ist. Otto von Taube, der Übersetzer dieser Ausgabe, war weder Lusitanist noch Übersetzer, sondern er interessierte sich einfach für Sprachen und Weltliteraturen und konnte acht Sprachen, fertigte auch andere Literaturübersetzungen aus dem Portugiesischen an. Diese Ausgabe ist von 1949, entsprechend antiquiert wirkt auch die Sprache von Taubes in seinem Vorwort, desto besser trifft er jedoch die Übersetzung selbst, wer Portugiesisch kann oder versteht (und auch lernt!), kann die zweisprachige Ausgabe besonders gut nutzen, so dass dieses Büchlein auch für all diejenigen von Interesse ist, die Portugiesisch beherrschen und die Lusiaden „anlesen“ möchten. Oder man greift als Einstieg in die Lusiaden zu dieser Ausgabe. Erst 1806 wurden die Lusiaden zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, von Taubes Übersetzung dieser Passagen ist von 1949 und erst seit 2010 gibt es eine Gesamtübersetzung- wer also gleich intensiver in die Lusiaden und das Werk Camões‘ einsteigen möchte, greife dazu und sollte sich nicht mit von Taube’s Kurzversion begnügen. Auch interessant ist dieses Büchlein- im weitesten Sinne auch die 2010 erschienene Gesamtausgabe- für all diejenigen, die sich mit portugiesischer Seefahrt, dem ehemaligen portugiesischen Weltreich, mit Südostafrika oder den ehemaligen portugiesischen Besitzungen in Indien beschäftigen. Camões ist z.B. in Goa noch heute sehr präsent und die Lusiaden sind eigentlich die einzige authentische Beschreibung der Kolonialzeit in Indien, die während dieser Zeiten direkt vor Ort entstanden sind, denn große Teile der Lusiaden wurden in Goa geschrieben, sind also auch ein Teil indischer Literaturgeschichte. Denkt man an die britischen Autoren, Kipling, Maugham, usw., die im British Empire lebten und schrieben und uns noch heute einen Hauch von britischer Kolonialexotik vermitteln, so leistet Camões seinen Beitrag, indem er uns in die portugiesisch-indische Kolonialwelt begleitet- wenn auch im klassischen Stil der Renaissance, so führt das weltliterarische Werk in portugiesischer Sprache schlechthin doch auch jenseits der Grenzen Europas in ferne Welten.