Vor einigen Jahren, nach den Erfolgen von Dan Brown, belegten düstere und rätselhafte Verschwörungsromane die Auslagen der Bücherläden. Aber so wie jedes beliebte Thema irgendwann abflacht und uninteressant wird, sind solche Romane rund um Verschwörungstheorien und Geheimbünde heute wieder in den Hintergrund getreten und den ebenso düsteren, jedoch liebenswerten Vampiren gewichen. Oliver Pötzsch springt mit "Die Ludwig-Verschwörung" im Grunde genommen auf einen Zug, der längst vorbeigerauscht ist. Ist noch ein Verschwörungsroman ein Verschwörungsroman zu viel?..
"Der König zog sein Handy hervor" - so beginnt die Erzählung und dieser Satz gibt im Grunde genommen den zeitlichen Rahmen des Romans wieder. Teilweise spielen die Szenen im Herbst 2010, wo der Münchner Antiquar Steven Lukas ein seltsames Kästchen mit einem Tagebuch findet, das in einer Geheimschrift geschrieben ist. Als er beginnt, das Büchlein zu entziffern, wird der Leser immer wieder ins Jahr 1884 zurückgeworfen - das Todesjahr des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. Die rätselhaften Umstände, unter denen der König aus dem Leben schied, wechseln sich mit der Schnitzeljagd in der Gegenwart ab, denn um das Rätsel um den Tod Ludwigs zu lösen, müssen Steven und seine Begleiterin Sara Lengfeld die Schlösser des Märchenkönigs aufsuchen - doch das Tagebuch ist auch von ihren Verfolgern begehrt...
Da ich ein bekennender Dan Brown-Fan bin und alle seine Bücher kenne, schien mir an manchen Stellen, dass auch Oliver Pötzsch sich von diesem Autor inspirieren ließ. Jedoch weisen andererseits alle (Bücher über) Verschwörungstheorien solch übereinstimmende Elemente wie die Schnitzeljagd oder Verfolgung durch brutale Fanatiker auf. Auch eine rührende Lovestory zwischen den Hauptcharakteren darf in einem solchen Roman nicht fehlen, vielleicht braucht der Mensch nach nervenraubenden Verfolgungsjagden und Kämpfen mit den Bösewichten einfach etwas, um seine seelische Balance wiederherzustellen.
Sehr schade ist jedoch, dass auch die Lösung des Rätsels um das Tagebuch in ihrer Grundidee zu sehr an Browns "Sakrileg" anlehnt.
Nichtsdestotrotz ist es ein lesenswerter Roman für jeden, der diese Art Bücher mag. Die historische Handlung ist gut recherchiert, man erfährt ganz nebenbei interessante Hintergrundinfos (wie zum Beispiel der Bund der Guglmänner - getreu der modernen Zeit sogar mit Homepage-Angabe - der tatsächlich existiert, wenn auch im wahren Leben nicht unbedingt als dunkle Gestalten, die mit Kapuzen und Fackeln auf der Münchner Theresienwiese lauern). Ebenso gelungen sind detaillierte, bildhafte Beschreibungen von Spielorten. Gerade wenn man selbst schon dort war, kann man sich noch besser in den Ort des Geschehen "projizieren", andernfalls bekommt man nach dem Lesen Lust darauf, die berühmten Schlösser zu besuchen.
Zeichnungen und Karten am Anfang des Buches sind sehr hilfreich gerade für Leute die die Spielorte nicht kennen, und am Ende findet man ein "Kleines Glossar für Verschwörungstheoretiker".
Lobenswert ist der Schreibstil, jeder Charakter wirkt anders durch den geschickten Einsatz stilistischer Mittel - die schnippische Sara, der verträumte König, selbst der urbayerische Fischer am Chiemsee, der für einen Bruchteil der Geschichte vorkommt, wirkt sehr lebhaft. Die Tagebuch-Auszüge unterscheiden sich im Sprachstil vom Rest, man bekommt den Eindruck, als hätte wirklich ein anderer Verfasser diese geschrieben.
Natürlich darf in einem Buch, das in Bayern spielt, das Nationalkolorit nicht fehlen - so ist beispielsweise die bayerische Volksbegeisterung für den "Kini" bis heute sehr zutreffend beschrieben, was bayerische Leser zum Schmunzeln verleitet, wenn es auch vielleicht für den Rest der Leserschaft bestimmt märchenhaft anmutend sein kann.
Die Stärken des Romans sind für mich die spannende Handlung, interessanter historischer Rahmen sowie die "Kulisse" um den Märchenkönig damals und heute. Der Schluss zwar nach der Hälfte schon vorhersehbar, jedoch sehr gut ausgearbeitet. Kurz: Für historisch interessierte sowie Verschwörungstheoretiker ist "Die Ludwig Verschwörung" auf alle Fälle lesenswert, wenn auch kein "Thriller" im klassischen Sinne.