"Innere Vorgänge, die niemand sieht, sind das einzig Interessante. (...) Das, was niemand sieht, das macht Sinn, aufzuschreiben." (Thomas Bernhard)
Unser Gehirn ist ein erstaunliches Organ. Es vollbringt permanent Höchstleistungen. So steuert es nicht nur die gesamten lebensnotwendigen Funktionen des Körpers, sondern lässt aus allen Bildern/Daten, die es erreichen, in Sekundenbruchteilen die Eindrücke entstehen, die wir wahrnehmen. Und es ermöglicht den Menschen auch als einziges Lebewesen über seine Vergangenheit und seine Zukunft nachzudenken und sich die Fragen zu stellen: Was bin ich und was ist nicht ich.
Diese Divergenz zwischen dem Ich und dem Rest der Welt erscheint uns, gleichwohl wie das Leben auf der Erde mit seinen Schwerkraftverhältnissen, ganz selbstverständlich. Doch wie sieht es in Jemandem aus, für den dies alles nicht mehr natürlich ist?
Markus Preiter begleitet den Leser auf einem faszinierenden Weg durch das menschliche "psychisch-krank-Sein" und beantwortet kompetent und schlüssig Fragen wie: Warum kann sich ein Mensch überhaupt vom Geheimdienst verfolgt und von den Nachbarn beobachtet fühlen? Wie kann das sein, dass jemand Stimmen hört, die ihm Befehle geben? Warum wird ein Mensch lebensmüde und will sich umbringen? Warum hat jemand plötzlich panische Angst wie aus dem Nichts? "Alle Menschen können anhand des Phänomens Psychopathologie lernen, wie wir wurden und wer wir sind.", so Preiter. Und gerade die "endogenen Erkrankungen des Gehirns offenbaren den Weltsichtgrundriss, über die Bezugsräume von uns Menschen, mit deren Hilfe wir über die Straße des Lebens dahingleiten."
Der Autor beschreitet in seinem Buch einen neuen Weg. Er untersucht die "Verrückungen", die die Fachleute Psychose, Depression, Manie, bipolare Erkrankung, Phobien oder Angsterkrankungen nennen, mit dem Menschsein an sich. Entstanden ist ein äußerst interessantes und verständiges, wenn auch auf hohem fachspezifischem Niveau geschriebenes Buch, das sich weniger auf Teilwissen beschränkt oder Krankheitsbilder wie Schizophrenie und die Depression ausführlich erläutert, sondern das beim medizinisch interessierten Laien Verständnis dafür erwecken will, was "jenseits des Einzelfalles eigentlich hinter den sogenannten psychopathologischen Auffälligkeiten des Menschen generell steht." Gleichzeitig offenbart es sich auch als Blick in den Spiegel, mit immer wieder überraschenden Ansichten unserer selbst.
In "Die Logik des Verrücktseins" entwickelt Preiter ein Basismodell, das die Evolutionstheorie als Orientierungskompass heranzieht. Er entdröselt das verworrene menschliche Seelenlabyrinth, indem er es in fünf Räume einteilt, die aus der Geschichte des Menschen hervorgegangen und immer noch fest in jedem von uns manifestiert sind. Evolutionäres Denken ist die Kernessenz in seinem Werk, "da der Mensch doch zweifelsfrei das Produkt einer evolutionären Entwicklung ist. (...) Die Evolution hat (...) soziale 'Navigierungskapazitäten' in unsere Vorfahren integriert, die das Sein unter den anderen erleichtern und (...) vor allem mit vier großen psychiatrischen Krankheitsbildern assoziiert sind: mit der Schizophrenie, der Manie, der Depression und den bipolaren Störungen." Eine Vernachlässigung dieser Analyse, so Preiter, hat ein rudimentäres Verstehen und Fehlinterpretationen zu Folge. Sein Buch versteht sich als Versuch, "genau jenen bisher vernachlässigten Aspekt menschlichen Seins, seine evolutionäre Geschichte, in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und mit der schon immer sichtbaren Individualgeschichte zu vereinen." Denn psychopathologische Phänomene sind immer auch "Ausdruck einer Fehlalarmierung und einer unzutreffenden Selbsttäuschung im Simulationsprozess des Weltverständnisses."
Der Autor gliedert sein Buch in zwei Teile. Zunächst beschäftigt er sich mit der menschlichen Kindheit, begibt sich jedoch gleichfalls noch viel weiter zurück: in die Kindheit der Menschheit. Markus Preiter formt sozusagen den Schlüssel zum Seelenlabyrinth. Er beschäftigt sich ausführlich mit dessen Raumstruktur und behandelt Themen wie die evolutionäre Bedeutung von Emotionen.
In Teil II öffnet er mit diesem Schlüssel die Tür und betritt das Labyrinth. Hier erfährt der Leser, was Psychopathologie über das Menschsein verrät. Hier lernt er den Menschen als Raumverhältnissuchenden kennen, der "mindestens so lange unruhig ist, bis sich ein stimmiges und ausreichend beruhigendes Raumverhältnis" um ihn herum einstellt. Und hier geht Preiter auf die einzelnen Krisenzeiten des Menschen, die vier großen psychiatrischen Krankheitsbilder, ein.
Nicht nüchtern, objektiv und kühl, sondern mit immer wieder eingestreuten Fallbeispielen aus seiner eigenen Praxis, würzt Markus Preiter seine Abhandlungen mit lockeren Vergleichen, die sogar vor den Insassen von Raumschiff Enterprise oder dem Einflechten von Lyrik nicht haltmachen.
Quintessenz des hervorragenden Buches: "Psychisch krank sein ist kein Verrücktsein in einen anderen Sinnraum außerhalb der menschlichen Normalität. Vielmehr handelt es sich um eine Verdichtung dessen, was wir als Menschen sind und was uns ausmacht. Die befremdlichen und manchmal verstörenden psychiatrischen Phänomene sind Verdichtungszitate der anthropologischen Matrix, die uns alle formt und prägt." Psychopathologische Phänomene sind "Chiffren einer hoch komplizierten biologischen Struktur, eines biologischen Superrechners, der wunderbare Leistungen erbringt, aber eben auch Fehlerpotenzen hat. Eine Systematik der Fehleranalysen (...) ermöglicht, Fragen zu beantworten nach dem generellen Strukturaufbau des Superrechners und seiner Funktionsweise im fehlerfreien Betriebsmodus."