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Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien (edition unseld)
 
 
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Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien (edition unseld) [Taschenbuch]

Bernard Stiegler , Susanne Baghestani
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)
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Bernard Stiegler
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Seit der Aufklärung gilt das Idealbild vom mündigen Individuum, das Verantwortung für sein Handeln trägt. Durch die Übermacht der neuen Medien und den globalen Kapitalismus wird jedoch die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, systematisch zerstört. Auch Erwachsene sind tatsächlich keine mündigen Individuen, sondern verharren in einem Zustand der Unreife, der es ihnen unmöglich macht, die jüngere Generation zu Verantwortungsbewußtsein zu erziehen. Ein Generationenvertrag wird aufgelöst und das Leben auf das Lustprinzip, die bloße Gegenwart, reduziert, somit wird Vergangenheit ausgelöscht und eine Zukunft nach den Idealen der Aufklärung aussichtslos. Die Folgen sind eine Infantilisierung der Gesellschaft, strukturelle Verantwortungslosigkeit und eine durch manipulative Medien verursachte gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeitsstörung. Bernard Stieglers Hauptinteresse gilt dem Zusammenhang von Kultur und Technik und den Veränderungen der Gesellschaft durch Medien und Digitalisierung. Der Autor klagt die Medien an, die in ihrer Funktion als "Psychotechnologien" ein triebgesteuertes Publikum heranzüchten, das nicht mehr Sorge tragen kann und soll – Sorge um das Selbst, die Familie, die Umwelt und auch die Sorge, wie sie sich in der mündigen Kritikfähigkeit äußert. Marketing wird zum alleinigen Instrument der Sozialkontrolle, die Telekratie ersetzt die Demokratie.

Über den Autor

Bernard Stiegler, geboren 1952, Leiter der Abteilung »Kulturelle Entwicklung« im Centre Georges Pompidou. Zuvor wissenschaftlicher Leiter am Collège international de philosophie, Professor an der Technischen Universität von Compiègne (UTC) in Paris und am Nationalen Institut für Audiovisuelles INA, Direktor des IRCAM (Institut für Akustik- und Musikforschung). Begründer der Ars-Industrialis-Konferenzen, die sich mit dem Einfluß neuer Technologien auf die Gesellschaft beschäftigen. Stiegler hat öffentlich bekanntgegeben, daß er von 1978 bis 1983 wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis saß.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
51 von 54 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Bernard Stiegler hat ein Buch geschriben ' ein wichtiges Buch. Und doch bleibt die Frage: Für wen? Die Leute, die es lesen müßten, wird es wohl kaum erreichen. Und das liegt nicht am Thema: Inhaltlich geht es um die geistige Regression des aufgeklärten Bürgers zum triebgesteuerten Konsumenten durch die Verwendung moderner Psychotechniken von Seiten der Medienkonzerne. Dieses Thema ist seit Heinrich Böll ziemlich aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Statt dessen engagiert sich der denkende Mensch der Postmoderne für oder gegen Atomkraft, Umweltschutz, Sterbehilfe, Nanotechnologie - um nur einige zu nennen. Aber kaum einen interessiert, wie die Wirtschaft die Wirkung des Bildungssystem aushebelt und die Autorität der Erziehungsberechtigten untergräbt ' also einen Großangriff auf unsere Gehirne startet ' und damit gleichzeitig die Demokratie in Gefahr bringt. Wie gesagt: Ein heißes Thema! Und doch hat Herr Stiegler alles dafür getan, daß das Buch möglichst wenige Leser findet. Einstein hat einmal gesagt, man solle eine Sache so einfach wie möglich darstellen, aber auch nicht einfacher. Statt dessen wählt er den entgegengesetzten Weg und fährt in einer komplizierten Sprache alles auf, was die europäische Geistesgeschichte so hergibt, von Platon über Freud bis Focault und Derrida. Das Kant ausführlich zitiert wird, wenn es um die Rettung der Aufklärung geht, erwartet man. Doch das Schwelgen in der Antike erscheint in diesem Zusammenhang nicht wirklich angebracht. Und um den an Anglizismen gewöhnten deutschen Leser gleich doppelt zu verprellen, wird tief in die Kiste griechischer und lateinischer Wortschöpfungen gegriffen. In Ermangelung eines Glossars sollten die entsprechenden Wörterbücher möglichst in der Nähe liegen. Da komme ich mir als Geisteswissenschaftler ' der noch ohne Fernsehen, dafür mit einer sehr großen Bibliothek aufgewachsen ist ' vor, als sei ich selbst schon zu einem jener geistig verkümmerten Konsumenten regrediert. Dabei gibt es heute psychologische Lerntheorien, die wissenschaftlich besser abgesichert sind als Freuds Psychoanalyse, mit der Bernard Stiegler den Triumph der audiovisuellen Trivialinhalte über die verschriftete humanistische Bildung beim einzelnen Bürger begründet.
Doch hat dieses Buch auch seine Stärken, nämlich da, wo es Philosophie und Psychoanalyse verläßt und sich eher auf soziologisches Terrain begibt. So beschreibt der Autor sehr gekonnt wirtschaftliche und Machtstrukturen und illustriert sie mit treffenden Beispielen aus den letzten Jahren. Außerdem zitiert er empirische Studien, welche den Einfluß des verstärkten audiovisuellen Medienkonsums auf neurologische Veränderungen des Gehirns belegen. Dies würde funktional bei jüngeren Menschen mit einer eher flachen, sprunghaften Aufmerksamkeit einhergehen, im Gegensatz zu früheren Generationen, die fähig waren, ihre Aufmerksamkeit ausdauernd auf einen Gegenstand zu konzentrieren. In diesem Zusammenhang diskutiert er auch das massenhaft auftretende Phänomen der ADHS (Aufmerksamkeitsdefzit-Hyperaktivitäts-Störung) als ein Resultat des übermäßigen Medienkonsums im Kindesalter ' die erste einleuchtende Erklärung, die mir dazu untergekommen ist.
Nun wartet man natürlich am Ende auf die befreiende Nachricht: Wie kann die Aufklärung doch noch gerettet werden? Bernard Stiegler macht zwar deutlich, daß der massive manipulative Einsatz der Medien durch die spätkapitalistische Wirtschaft systemimmanent ist, kann sich aber doch nicht zu der These durchringen, daß es auch eine nachkapitalistische Alternative geben könnte. Immerhin hat es in der Vergangenheit schon so viele Umbrüche gegeben, daß man keine Angst haben muß, daß unser derzeitiges Entwicklungsstadium der Endpunkt sei. Statt dessen ermutigt er den Staat, die neuen Psychotechniken in dem ihm unterstellten Bildungssystem selbst anzuwenden, um damit der Wirtschaft beim Kampf um die begrenzte Ressource Aufmerksamkeit Konkurrenz zu machen. Damit ignoriert er, daß der Staat ja selbst Teil des Systems ist und schon längst in Form des Infotainments diese Techniken anwendet ' und damit lediglich zur Verflachung der Kultur beiträgt. Außerdem setzt er vage Hoffnungen in die Selbstermächtigung der Bürger durch die digitalen Medien, speziell das Internet (wozu diese Rezension gleich als unwillkommener Beweis dienen kann) und eine eventuelle Zusammenführung der verschiedenen Aufmerksamkeitsformen in der Evolution zukünftiger Generationen. Diese Aussichten können nicht wirklich befriedigen.
Zusammenfassend möchte ich sagen: Ein heißes Thema, eine gute Beschreibung der aktuellen Situation, manchmal sehr weit hergeholte Begründungen, keine wirkliche Alternativen ' und eine Sprache, die in einer Fachzeitschrift für Philosophie angemessen wäre, aber nicht in einer Edition, die sich ausdrücklich an größere Leserkreise wendet. Schade!
War diese Rezension für Sie hilfreich?
8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von kpoac TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
In dieser modernen Welt sind nicht viele Dinge nicht zu haben. Der Individualismus wird in den Medien, sei es als Buch, Zeitschrift, Internet oder Fernsehen sehr wohl gefördert. Doch die Wahl des Mediums und im Medium selbst das Spezielle ist zwar frei im Prinzip, doch in der Lenkung Aufgabe von Marketingstrategen, die in ihrer Profession um die Aufmerksamkeit des Einzelnen ringen. Diese Werbebotschaften treffen jede Generation.

Am Beispiel des Fernsehsenders Canal J gelingt es Bernard Stiegler (1952-) auf ein Defizit aufmerksam zu machen, was gesellschaftlich von hoher Relevanz ist. Mit der Werbung, Großvater, Vater und Kind auf einem Bild, vom Sender untertitelt mit: "mieux que ca - Besseres als das" verheisst das Plakat dem Kind, das Fernsehen bietet mehr als der Kontakt zur Familie über die Generationen hinweg. Unverblümt wird deutlich gemacht, dass das Fernsehen den Anspruch auf Aufmerksamkeit in der verfügbaren Zeit der jungen Hirne rechtmäßig einfordert und besser als Familie diese Aufgabe der Sorge übernehmen kann. Weiter gedacht wird die Botschaft laut, das Erwachsene durch das Fernsehen in die Unmündigkeit gedrängt werden sollen, ungeachtet ihrer eigentlichen Aufgabe, als Mündige die nächste Generation aus der minderjährigen Unmündigkeit zum sozialen und mündigen Mitglied der Gesellschaft zu formen. Kinder werden so zu früh, nicht konform ihrer psycho-sozialen Entwicklung nach Piaget oder Freud als quasi-erwachsen behandelt, in eine Verantwortung entlassen, die sie nicht übernehmen können. Daduch wird der Zusammenhang und der Zusammenhalt, durch Generationen hinweg gebildet und geprägt nun medial und psychotechnisch individualisiert, auseinander gebrochen. Die notwendige soziale Verantwortung bleibt unausgebildet, Verwahrlosung und Kriminalität nehmen zu und führen so zu neuen Gesetzen in Frankreich, die den jugendlichen Tätern schon früh mit einem Strafmaß vergleichbar Volljähriger aburteilen. Grund dafür ist, dass die bisherige Regelung ein Gefühl der Straflosigkeit erweckte. Deutlich jedoch wird die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich Jugendlicher entwicklungsgerecht und -konform anzunehmen.

Stiegler geht es um die Entwicklung eines neuen Gespürs, wie moderne mediale Technik Einfluss auf die Aufmerksamkeit Jugendlicher beansprucht. Er zieht daraus Schlüsse mit Rückblick auf die Geschichte, bis auf Platon zurückgehend. Er nimmt von dort Platons Phaidros und die dort vertretene Ansicht, Schrift sei nur eine taktische Vorbereitung für eine Rede und verseiche das Denken, als Start, um den Sinn der Aufklärung, den Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit nochmals zu wagen und zu einem zwar selbstbestimmten, aber sozialen Menschen zu werden. Ganz im Sinne Kants vertritt er die persönliche wie die gesellschaftliche Vernunft, setzt auf die dauerhafte Verantwortung im Sinne des Gemeinwesens wie der eigenen Person in diesem. Insgesamt fordert er mit den Tugenden der Vergangenheit, insbesondere dem Gedankengut der Antike den selbstbewussten Menschen, der einer Aufmerksamkeitsdroge dritter nicht unterliegt, sondern sich selbst aufmerksam den wahren Interessen widmet. So ist das Buch eine Teilhabe an anderem Denken, führt zur Reflexion und zur Kenntnis allgemeiner Werturteile. Die psycho-technische mediale Welt wird bei hoher Reflexion verbunden mit dem eigenen Denken, man wird Teil einer Noosphäre im Sinne von Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955).

Seine Aufgabe sieht Stiegler darin, Erkenntnisse zu vermitteln, wo Aufklärung und deren Ideale zerstört werden durch mediale Aufmerksamkeitshysterie, durch Entmündigung von Erwachsenen und zu frühes Mündigmachen von Jugendlichen. Er will die Infantilisierung der Gesellschaft verhindern, deren aufgeklärte Haltung wiederbeleben durch Reduzierung medialer Übermacht und Stärkung der familären Bindung und der Sozialkontrolle in ihr. Kultur und Bildung sind seine Pfeiler gegen die globalisierten Psychotechnologien und deren Aufmerksamkeitsvereinnahmung, die in den Dienst der Aufrechterhaltung einer Unmündigkeit gestellt werden.

Stiegler schreibt in der Tat nicht für ein breites Publikum, ganz sicher nicht für die Gruppe, die er anspricht. Hätte er für alle geschrieben, wäre er dort gelesen worden? Wahrscheinlich nicht. Kant hat nicht für die Allgemeinheit geschrieben, aber seine Gedanken und insbesondere die der Aufklärung und der Vernunft hat die breite Masse über die Vermittlung erreicht. Man weiss um ihn. So möge man Stiegler auch lesen, als Mahner in einer Zeit, in der das Feuer der Tradition gelöscht wird ohne das Wertvolle zuvor zu retten.

Dieses Stiegler Buch empfehle ich als "Schlacht für die Intelligenz" auch allen, die Winterhoffs Tyrannenbuch gelesen oder besprochen haben. Denn Stiegler zeigt wie Winterhoff auf Defizite, so beginnt der erste Schritt.

Dieses Buch ist Teil der unseld edition, seit 2008 neu bei suhrkamp. Diese Reihe widmet sich den aktuellen Themen der Zeit und den Welterklärungen.
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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von GK
Format:Taschenbuch
Der Originaltitel war "Prendre soin. De la jeunesse et des générations". (Deutschen Verlage gehen mit ausländischen Buchtiteln oft recht eigenwillig um.) Aus dem Original finden sich die ersten sechs Kapitel ins Deutsche übersetzt in diesem Buch wieder. Es geht um die Vermeidung von Verantwortung für und die Sorge um Unmündige. So kann man sie als Konsumenten besser in der Griff bekommen.

Der Verfasser entmündigt die Menschen der jungen Generation nicht, sondern respektiert sie gerade in ihrer Unmündigkeit. Sie haben nämlich Anspruch auf Sorge. Stattdessen wird heute Unmündigkeit zur Ressource für Geschäfte. Eigentlich Strafunmündige Täter zunehmend nach Erwachsenenstrafrecht zu behandeln ist ein Teil unseres Versagens gegenüber jungen Menschen. Bernard Stiegler ist nicht nur professoraler Philosoph, sondern blickt auch als Praktiker auf eigene Erfahrung zurück: Auf seine 5 Jahre Haft als junger Erwachsener wegen bewaffneten Raubüberfalls weist er offen hin.

Noch eine Nebenbemerkung: Waren bei Vergil z.B. die zur bösen Tat verleitenden Sorgen der Hunger, der Mangel, die Not und der Tod, so suchten bei Goethe "vier graue Weiber" den alten Faust heim: Mangel, Schuld, Sorge und Not. Die Sorge selbst erhielt hier also Gesicht. Und von den Vieren drang nur noch die Sorge zu dem erfolgreichen Unternehmer durch, der keinen Mangel, keine Schuld und keine Not mehr kannte - und auch den Tod verkannte. Auf der Suche nach Hebeln zur Bewegung von auch die politische und geistige Führung zunehmend beeinflussenden Wirtschaftsführern ist die "Sorge" und ihre Logik sicherlich eine nähere Betrachtung wert.
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