In dieser modernen Welt sind nicht viele Dinge nicht zu haben. Der Individualismus wird in den Medien, sei es als Buch, Zeitschrift, Internet oder Fernsehen sehr wohl gefördert. Doch die Wahl des Mediums und im Medium selbst das Spezielle ist zwar frei im Prinzip, doch in der Lenkung Aufgabe von Marketingstrategen, die in ihrer Profession um die Aufmerksamkeit des Einzelnen ringen. Diese Werbebotschaften treffen jede Generation.
Am Beispiel des Fernsehsenders Canal J gelingt es Bernard Stiegler (1952-) auf ein Defizit aufmerksam zu machen, was gesellschaftlich von hoher Relevanz ist. Mit der Werbung, Großvater, Vater und Kind auf einem Bild, vom Sender untertitelt mit: "mieux que ca - Besseres als das" verheisst das Plakat dem Kind, das Fernsehen bietet mehr als der Kontakt zur Familie über die Generationen hinweg. Unverblümt wird deutlich gemacht, dass das Fernsehen den Anspruch auf Aufmerksamkeit in der verfügbaren Zeit der jungen Hirne rechtmäßig einfordert und besser als Familie diese Aufgabe der Sorge übernehmen kann. Weiter gedacht wird die Botschaft laut, das Erwachsene durch das Fernsehen in die Unmündigkeit gedrängt werden sollen, ungeachtet ihrer eigentlichen Aufgabe, als Mündige die nächste Generation aus der minderjährigen Unmündigkeit zum sozialen und mündigen Mitglied der Gesellschaft zu formen. Kinder werden so zu früh, nicht konform ihrer psycho-sozialen Entwicklung nach Piaget oder Freud als quasi-erwachsen behandelt, in eine Verantwortung entlassen, die sie nicht übernehmen können. Daduch wird der Zusammenhang und der Zusammenhalt, durch Generationen hinweg gebildet und geprägt nun medial und psychotechnisch individualisiert, auseinander gebrochen. Die notwendige soziale Verantwortung bleibt unausgebildet, Verwahrlosung und Kriminalität nehmen zu und führen so zu neuen Gesetzen in Frankreich, die den jugendlichen Tätern schon früh mit einem Strafmaß vergleichbar Volljähriger aburteilen. Grund dafür ist, dass die bisherige Regelung ein Gefühl der Straflosigkeit erweckte. Deutlich jedoch wird die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich Jugendlicher entwicklungsgerecht und -konform anzunehmen.
Stiegler geht es um die Entwicklung eines neuen Gespürs, wie moderne mediale Technik Einfluss auf die Aufmerksamkeit Jugendlicher beansprucht. Er zieht daraus Schlüsse mit Rückblick auf die Geschichte, bis auf Platon zurückgehend. Er nimmt von dort Platons Phaidros und die dort vertretene Ansicht, Schrift sei nur eine taktische Vorbereitung für eine Rede und verseiche das Denken, als Start, um den Sinn der Aufklärung, den Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit nochmals zu wagen und zu einem zwar selbstbestimmten, aber sozialen Menschen zu werden. Ganz im Sinne Kants vertritt er die persönliche wie die gesellschaftliche Vernunft, setzt auf die dauerhafte Verantwortung im Sinne des Gemeinwesens wie der eigenen Person in diesem. Insgesamt fordert er mit den Tugenden der Vergangenheit, insbesondere dem Gedankengut der Antike den selbstbewussten Menschen, der einer Aufmerksamkeitsdroge dritter nicht unterliegt, sondern sich selbst aufmerksam den wahren Interessen widmet. So ist das Buch eine Teilhabe an anderem Denken, führt zur Reflexion und zur Kenntnis allgemeiner Werturteile. Die psycho-technische mediale Welt wird bei hoher Reflexion verbunden mit dem eigenen Denken, man wird Teil einer Noosphäre im Sinne von Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955).
Seine Aufgabe sieht Stiegler darin, Erkenntnisse zu vermitteln, wo Aufklärung und deren Ideale zerstört werden durch mediale Aufmerksamkeitshysterie, durch Entmündigung von Erwachsenen und zu frühes Mündigmachen von Jugendlichen. Er will die Infantilisierung der Gesellschaft verhindern, deren aufgeklärte Haltung wiederbeleben durch Reduzierung medialer Übermacht und Stärkung der familären Bindung und der Sozialkontrolle in ihr. Kultur und Bildung sind seine Pfeiler gegen die globalisierten Psychotechnologien und deren Aufmerksamkeitsvereinnahmung, die in den Dienst der Aufrechterhaltung einer Unmündigkeit gestellt werden.
Stiegler schreibt in der Tat nicht für ein breites Publikum, ganz sicher nicht für die Gruppe, die er anspricht. Hätte er für alle geschrieben, wäre er dort gelesen worden? Wahrscheinlich nicht. Kant hat nicht für die Allgemeinheit geschrieben, aber seine Gedanken und insbesondere die der Aufklärung und der Vernunft hat die breite Masse über die Vermittlung erreicht. Man weiss um ihn. So möge man Stiegler auch lesen, als Mahner in einer Zeit, in der das Feuer der Tradition gelöscht wird ohne das Wertvolle zuvor zu retten.
Dieses Stiegler Buch empfehle ich als "Schlacht für die Intelligenz" auch allen, die Winterhoffs Tyrannenbuch gelesen oder besprochen haben. Denn Stiegler zeigt wie Winterhoff auf Defizite, so beginnt der erste Schritt.
Dieses Buch ist Teil der unseld edition, seit 2008 neu bei suhrkamp. Diese Reihe widmet sich den aktuellen Themen der Zeit und den Welterklärungen.