Der Autor bringt sein Anliegen schnell auf den Punkt: Es gibt schätzungsweise dreihundertdreißig Religionen mit über einhunderttausend verschiedenen Glaubens-gemeinschaften '[und] etwa fünfhunderttausend Göttern ' Hunderttausende von Propheten, Gurus, Priestern, Imamen, Rabbinern, Schamanen, Geisterheilern, Laienpredigern, Zauberern und Hexen ' widersprechen sich in nahezu allen An-nahmen und Glaubensinhalten. Die Theologen, studierte Fachleute für die Vermitt-lung von Glaubensfragen also, könnten sich noch nicht einmal auf eine Definition einigen, die aussagt, womit sie sich eigentlich befassen. Selbst den Religionswissenschaftlern ginge es so, bis heute gäbe es keine allgemein akzeptierte Definition ihres Gegenstandes, der Religion.
Und polemisierend geht es weiter, bis hin zum Schluss. Hier heißt es, dass sich die einhunderttausend Glaubensgemeinschaften in einem Punkt denn doch einig sind, nämlich darin, dass die Wahrheit der jeweilig anderen keine ist, sondern dass über das, was Wahrheit ist, einzig und allein die eigene Firma gebietet. Die Exklusivität des Wahrheitsanspruchs gilt, so der Autor, auch für die Splittergruppen innerhalb der einzelnen Religionen. Die christliche Lehre zum Beispiel sei alles andere als in sich geschlossen. Die wenigen überlieferten Worte des jüdischen Wanderpredigers Jesus Christus hätten schon zur Zeit des Urchristentums, in den ersten ein- bis zweihundert christlichen Gemeinden des Mittelmeerraumes also, zu unterschiedlichen Auslegungen und Ergänzungen geführt. Heute sind es etwa 35 000 verschiedene christliche Glaubensgemeinschaften, und sie alle verfügen über jeweils eigene Deutungen und (menschengemäße) Zwecksetzungen. Fehlende Logik allüberall, oder wie es der Verfasser nennt: Nicht-Logik.
Für die Logik der Nicht-Logik bietet Kilian nicht minder überzeugende Beispiele an. Ihnen folgend haben die Glaubensinhalte ' nach seiner Auffassung Erfindun-gen des menschlichen Geistes - zwar keine existenzielle Bedeutung, dafür aber eine höchst pragmatische. Sich auf Gott oder einen der fünfhunderttausend anderen Götter und sonstigen übernatürlichen "Wesen" zu berufen, verschaffe Ansehen, Macht und Gut. Und die Mittel zur Repression gegenüber Nicht- und Andersgläubigen. Raffiniert, wie sich nach Ansicht des Autors religiös motivierter Lug und Trug in der Gesellschaft verklammere. Und das bis zum heutigen Tag. Die Mythen und die Argumente folgten einem Ausleseprozess nach Darwinschem Muster: Der Autor spricht von der Evolution der Lüge. Je gebildeter die potenziell Gläubigen, umso erlesener müsse die Argumentationskunst der Religionsvertreter sein. Das "Alpha-Tier" in der Riege der transzendenten Wesen ' sprich: Gott (Nicht-Logik) - darf nicht definierbar sein, muss unerkennbar und letztendlich unbegreifbar bleiben, um es jedweder Überprüfung zu entziehen (Logik!). Ganz im Sinne des im Buch zitierten Ambrose Bierce: Die Religion ist eine Tochter der Furcht und der Hoffnung, die den Nichtwissenden das Wesen der Unerkennbarkeit erklärt.
Nicht minder raffiniert, so der Autor, auch der Versuch der Glaubensvertreter, die Wissenschaft in ihr Boot zu holen. Schöpfung würde als "Evolution plus X" gedeutet, man empfehle, beide Seiten sollten sich im Dialog auf einen Kompromiss einlassen: Die Religion mischt sich nicht in die Wissenschaft ein, und die Wissenschaft nicht in die Religion. Doch hierbei wird, warnt Kilian, unter dem Vorwand der Toleranz ein Grundprinzip der Wissenschaft korrumpiert, nämlich alles in Frage zu stellen und alles kritisch zu untersuchen.
Resumé: eine kluge, glänzend formulierte, bis ins Jahr 2010 recherchierende Lek-türe, die Logik dort einsetzt, wo es der anderen Seite an solcher gebricht. Verhal-tensbiologische Aspekte stehen im Vordergrund. Verhältnismäßig wenig wird auf die hirnbiologischen Untersuchungen zur Spiritualität eingegangen, obwohl gerade sie doch recht gut erahnen lassen, warum wir eine gewisse Neigung zum Mystischen verspüren ' der eine weniger, der andere mehr, und oft seiner eigenen Logik entgegen. Ohne eine solche Tendenz hin zum "Homo religiosus" wären die Ubiquität und der Erfolg der Religionen noch erstaunlicher als ohnehin. Sicher hatte der amerikanische Genetiker Dean Hamer mit seinem Buch "Das Gottes-Gen" (2006) zu kurz gegriffen. Dennoch spricht vieles dafür, dass es charakterlich gebundene Bereitschaften für religiöses Denken gibt, für Hoffen und Glauben - Verhaltenstendenzen, die auf der Kombination von mehreren oder auch vielen Gen-Varianten beruhen. Was fängt ein Mensch mit den Überlegungen des Autors an, wenn er bei den "großen und letzten" Fragen eher a-logisch, eher gefühlsmäßig operiert? Auf der Suche nach Sinn und Trost hofft er auf den Strohhalm. Und er wird es trotz Kilian und der vielen anderen Aufklärer weiterhin tun, so er deren Überlegungen überhaupt zur Kenntnis nimmt. Und die anderen, die vom Baum der Erkenntnis nicht genug naschen können? Ich bin mir sicher, so manche sehnen sich aus ihren eisigen intellektuellen Höhen hinunter in die Ebene der herzerwärmenden Lebenslügen. Und der Autor selbst? Auf Seite 65 kündigt er einen Abschnitt 3.5 zur Sinngebungsrolle der Religionen an, spricht dann aber (S. 109 ff.) über etwas ganz anderes: über "Interpretationshoheit". Zeigt sich hier ein persönliches Problem?
Übrigens: Unter demselben Titel hätte auch ein Buch über die Quantenmechanik und die moderne Astrophysik geschrieben werden können - die Gottesfrage einbe-zogen, logisch.
Prof. Dr. Gerald Wolf, Magdeburg