Aus der Amazon.de-Redaktion
Vatikan-Thriller sind der große Renner. Man muss gar nicht erst an die fulminant spannenden, aber von ihren Theorien beizeiten auch etwas abstrusen Bücher von Dan Brown wie Illuminati und Sakrileg denken, um sich auszumalen, woran das liegt. Denn dass es sich beim Vatikan um eine Organisation handelt, deren Innenleben für Außenstehende undurchschaubar ist und die sich selbst mit Geheimnissen umwittert, macht es Krimiautoren einfach. Dass darüber hinaus auch noch hin und wieder Gerüchte an die Öffentlichkeit dringen, dass hinter den dicken Mauern des Petersdoms nicht alles mit rechten Dingen zugeht (und dass vor gar nicht allzu langer Zeit sogar ein Papst ermordet worden sein soll), macht ihre Geschichten noch wahrscheinlicher. Der Thriller Die Loge des ehemaligen CNN-Auslandskorrespondenten Daniel Silva (Double Cross - Doppeltes Spiel, Der Engländer) fällt also auf fruchtbaren Boden. Und so, wie der amerikanische Autor seine Geschichte vorbereitet, entwickelt und beendet, will man ihm alles sogar glauben. Spannend ist Die Loge sowieso. Aber das ist bei Silva ja ohnehin Ehrensache. --Stefan Kellerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die Loge von Daniel Silva, Wulf Bergner. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Für seine Studenten und Kollegen war er Herr Professordoktor Stern. Freunde aus der Nachbarschaft kannten ihn einfach als Benjamin; für gelegentliche Besucher aus der Heimat war er Binyamin. In einem anonymen Komplex aus Stein und Glas im Norden von Tel Aviv, in dem trotz seiner Bitten, sie endlich zu verbrennen, noch immer eine Akte über seine Großtaten in jüngeren Jahren lagerte, würde er stets als Beni, als der jüngste von Ari Schamrons ungeratenen Söhnen, bekannt sein. Offiziell gehörte Benjamin Stern weiterhin der Fakultät der Hebräischen Universität in Jerusalem an, auch wenn er seit vier Jahren als Gastprofessor für Europäische Studien an der angesehenen Münchner Ludwig-Maximilians-Universität lehrte. Er war sozusagen zu einer Dauerleihgabe geworden, was Professor Stern nur recht war. Durch eine Ironie der Geschichte lebte man als Jude heutzutage in Deutschland behaglicher als in Jerusalem oder Tel Aviv.
Die Tatsache, daß seine Mutter die Schrecken des Rigaer Ghettos überlebt hatte, verlieh Professor Stern in den Augen der übrigen Bewohner des Hauses Nummer 68 ein etwas zweifelhaftes Ansehen. Er war eine Kuriosität. Er war ihr wandelndes Gewissen. Sie überhäuften ihn mit Vorwürfen wegen der Notlage der Palästinenser. Sie stellten ihm behutsam Fragen, die sie ihren Eltern und Großeltern nicht zu stellen wagten. Er war ihr Lebensberater und ein Weiser, dem sie vertrauten. Sie kamen zu ihm, um sich bei Studienproblemen beraten zu lassen. Sie schütteten ihm ihr Herz aus, wenn eine Liebesbeziehung in die Brüche gegangen war. Sie plünderten seinen Kühlschrank, wenn sie hungrig waren, und sie plünderten seine Geldbörse, wenn sie abgebrannt waren. Vor allem aber fungierte er bei allen Auseinandersetzungen mit der gefürchteten Frau Ratzinger als Sprecher der Mieter. Professor Stern war der einzige Bewohner des Hauses, der sich nicht vor ihr fürchtete. Zwischen den beiden schien ein besonderes Verhältnis zu bestehen. Eine Art Verwandtschaft. »Das ist das Stockholm-Syndrom«, behauptete der Psychologiestudent Alex, der im obersten Stock wohnte: »Häftling und Gefängniswärter. Herr und Diener.« Aber dahinter steckte mehr. Der Professor und die Alte schienen dieselbe Sprache zu sprechen.
Im vergangenen Jahr, als sein Buch über die Wannsee-Konferenz ein internationaler Bestseller geworden war, hatte Professor Stern mit der Idee geliebäugelt, in ein eleganteres Haus umzuziehen vielleicht mit einbruchsicheren Wohnungstüren und Blick auf den Englischen Garten. In ein Haus, dessen übrige Bewohner sein Apartment nicht als bloße Erweiterung ihres eigenen betrachten würden. Das hatte bei den anderen Panik ausgelöst. Eines Abends erschienen sie en masse bei ihm und baten ihn, er solle doch bleiben. Versprechungen wurden gemacht. Sie würden kein Essen mehr aus seinem Kühlschrank klauen und ihn auch nicht um Kleindarlehen bitten, wenn sie genau wußten, daß keine Hoffnung auf Rückzahlung bestand. Sie würden mehr Rücksicht auf sein Bedürfnis nach Ruhe nehmen. Sie würden nur in wirklich dringenden Fällen zu ihm kommen und ihn um seinen Rat bitten. Der Professor willigte ein, aber innerhalb eines Monats war seine Wohnung wieder zum Gemeinschaftsraum des Hauses Adalbertstraße 68 geworden. Insgeheim freute er sich darüber, daß sie wieder um ihn waren. Die rebellischen Kinder der Nr. 68 waren die einzigen Familienangehörigen, die Benjamin Stern noch hatte.
Das Rattern einer vorbeifahrenden Straßenbahn riß ihn aus seiner Konzentration. Er hob eben noch rechtzeitig den Kopf, um sie unter dem Geäst eines Kastanienbaums verschwinden zu sehen, und warf dann einen Blick auf seine Armbanduhr. Elf Uhr dreißig. Seit fünf Uhr saß er nun am Schreibtisch. Er nahm die Brille ab und verbrachte lange Sekunden damit, sich die Augen zu reiben. Was hatte Orwell einmal über die Arbeit des Bücherschreibens gesagt? Ein grausamer, erschöpfender Kampf wie ein langer Anfall einer schmerzhaften Krankheit. Manchmal hatte Benjamin Stern das Gefühl, dieses Buch könnte seinen Tod bedeuten.
Die rote Anzeige seines Anrufbeantworters blinkte. Um unerwünschte Unterbrechungen zu vermeiden, war sein Telefon gewohnheitsmäßig leise gestellt. Jetzt streckte er zögernd wie ein Sprengmeister, der überlegt, welchen Draht des Bombenzünders er durchtrennen soll, eine Hand aus und drückte den Knopf. Aus dem kleinen Lautsprecher drang ein Schwall Heavy-Metal-Musik, dem ein schriller Kriegsschrei folgte.
»Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Herr Professordoktor. Heute abend wirds auf der Welt einen dreckigen Juden weniger geben! Wiedersehn, Herr Professordoktor.«
Klick.
Professor Stein löschte die Nachricht. Er war sie inzwischen gewöhnt. In letzter Zeit bekam er zwei pro Woche manchmal auch mehr, je nachdem, ob er im Fernsehen aufgetreten war oder an irgendeiner Podiumsdiskussion teilgenommen hatte. Er kannte die Anrufer der Stimme nach und hatte jedem einen banalen, harmlos klingenden Spitznamen gegeben, um die Schockwirkung auf seine Nerven zu verringern. Dieser Kerl rief mindestens zweimal im Monat an. Professor Stern hatte ihm den Spitznamen »Wolfie« gegeben. Manchmal meldete er die Anrufe der Polizei. Meistens sparte er sich diese Mühe. Sie konnte ohnehin nichts dagegen tun.
Er sperrte sein Manuskript und seine Notizen in den unter seinem Schreibtisch auf dem Fußboden festgeschraubten Safe. Dann zog er Schuhe, eine Wolljacke und seinen Mantel an und holte den Müllbeutel aus der Küche. In dem alten Haus gab es keinen Aufzug, was bedeutete, daß er zwei Treppen hinuntergehen mußte, um ins Erdgeschoß zu gelangen. Als er die Eingangshalle erreichte, stiegen ihm Chemiegerüche in die Nase. Im Erdgeschoß gab es einen kleinen, aber florierenden Kosmetiksalon. Der Professor haßte den Schönheitssalon. Herrschte dort Hochbetrieb, stieg der beißende Gestank von Nagellackentferner durchs Treppenhaus auf und drang in seine Wohnung. Außerdem machte der Publikumsverkehr das Gebäude weniger sicher, als er es sich gewünscht hätte. Da der Kosmetiksalon keinen Eingang von der Straße aus hatte, herrschte im Erdgeschoß ein ständiger Andrang schöner Schwabingerinnen, die zu Maniküren, Pediküren, Gesichtsmasken oder Epilationen kamen.
Er wandte sich nach rechts und ging auf die Tür zu, die auf den winzigen Hof hinausführte. Auf der Schwelle zögerte er, um zu sehen, ob die Katzen in der Nähe waren. Gegen Mitternacht war er durch einen Streit um einen Leckerbissen aus den Mülltonnen geweckt worden. Heute vormittag waren keine Katzen da, nur zwei gelangweilt wirkende Kosmetikerinnen, die in blütenweißen Kitteln an der Wand lehnten und rauchten. Er trottete über die rußigen Pflastersteine und warf seinen Müllbeutel in die Sammeltonne.
Als er in den Hausflur zurückkam, traf er dort Frau Ratzinger an, die das Linoleum mit einem abgenutzten Strohbesen mehr abstrafte als kehrte. »Guten Morgen, Herr Professordoktor«, knurrte die Alte; dann fügte sie anklagend hinzu: »Sie gehen wohl zum Morgenkaffee aus?«
Professor Stern nickte und murmelte: »Jaja, Frau Ratzinger.« Sie funkelte zwei unordentliche Prospektstapel an, von denen einer für ein Open-Air-Konzert mit freiem Eintritt und der andere für eine ganzheitliche Massageklinik in der Schellingstraße warb. »Ich kann sie noch so oft bitten, dieses Zeug nicht hier abzulegen, sie tuns trotzdem. Das liegt an dem Schauspielschüler in 4B. Der macht jedem auf.«
Der Professor zuckte mit den Schultern, als sei ihm das gesetzlose Verhalten der Jugend ein Rätsel, und lächelte der Alten freundlich zu. Frau Ratzinger sammelte die Prospekte ein und marschierte mit ihnen auf den Hof hinaus. Im nächsten Augenblick konnte er hören, wie sie die Kosmetikerinnen beschimpfte, weil sie ihre Zigarettenkippen auf dem Boden austraten.
Er trat aus dem Haus und blieb kurz stehen, um das Wetter zu begutachten. Nicht zu kalt für Anfang März, und die Sonne schien durch dünne Wolkenschleier. Er steckte seine Hände in die Manteltaschen und ging los. Als er den Englischen Garten erreichte, folgte er einem mit Bäumen bestandenen Weg am Ufer eines von Regenwasser angeschwollenen kanalisierten Bachlaufs. Er liebte den Park. Nach der morgendlichen Fron am Computer konnte sein Verstand sich hier wieder erholen. Und noch wichtiger: Beim Spazieren konnte er feststellen, ob sie ihn heute beschatteten. Er blieb stehen und klopfte mit dramatischer Geste seine Taschen ab, um zu demonstrieren, daß er etwas vergessen hatte. Dann kehrte er um, ging auf demselben Weg zurück, betrachtete forschend die Gesichter der Entgegenkommenden und kontrollierte, ob sie mit einem der vielen Gesichter übereinstimmten, die in der Datenbank seines erstaunlichen Gedächtnisses gespeichert waren. Er blieb auf einer bogenförmigen Fußgängerbrücke stehen, als bewundere er den darunter rauschenden kleinen Wasserfall. Ein Drogendealer mit tätowierten Spinnen im Gesicht bot ihm Heroin an. Der Professor murmelte etwas Unverständliches und ging rasch davon. Zwei Minuten später trat er in eine Telefonzelle und gab vor, ein Gespräch zu führen, während er seine Umgebung sorgfältig beobachtete. Dann hängte er den Hörer ein.
Wiedersehn, Herr Professordoktor.
Er bog in die Ludwigstraße ein und hastete mit gesenktem Kopf durch das Universitätsviertel, wobei er hoffte, nicht von Studenten oder Kollegen erkannt zu werden. Erst Anfang der Woche hatte er einen ziemlich unfreundlichen Brief von Prof. Dr. Helmut Berger, dem aufgeblasenen Dekan seiner Fakultät, erhalten, der angefragt hatte, wann die Fertigstellung seines Buchs zu erwarten sei und er seine Pflichtvorlesungen wiederaufnehmen werde. Professor Stern konnte Helmut Berger nicht leiden ihre ausreichend publik gemachte Fehde hatte persönliche und akademische Ursachen und hatte passenderweise noch keine Zeit gefunden, seinen Brief zu beantworten.
Das Treiben auf dem Viktualienmarkt lenkte ihn von den Gedanken an seine Arbeit ab. Er ging an Pyramiden aus buntem Obst und Gemüse, an Blumenständen und Käseläden unter freiem Himmel vorbei. Er kaufte ein paar Kleinigkeiten fürs Abendessen ein, dann überquerte er die Straße zur Tschibo-Kaffeebar, um dort Kaffee zu trinken und eine Dinkelsemmel zu essen. Als er sich eine halbe Stunde später auf den Heimweg nach Schwabing machte, fühlte er sich erfrischt, mental erholt und bereit, den Ringkampf mit dem Stoff seines Buchs wiederaufzunehmen. Mit seiner Krankheit, wie Orwell es genannt hätte.
Als er die Nummer 68 betrat, fegte mit ihm ein Windstoß in die Eingangshalle und wirbelte einen neuen Stapel lachsfarbener Werbezettel durcheinander. Der Professor verdrehte den Hals, um lesen zu können, was auf den Zetteln stand. Gleich um die Ecke hatte ein neues indisches Lokal mit Straßenverkauf aufgemacht. Er mochte gute Currygerichte. Also hob er einen Prospekt auf und stopfte ihn in die Manteltasche.
Der Wind hatte ein paar der Zettel bis fast zur Hoftür geweht. Das würde Frau Ratzinger aufbringen. Als er leise die Treppe hinaufging, steckte sie den Kopf aus ihrem Mäuseloch und sah die Unordnung. Wie erwartet war sie entsetzt und starrte ihn mit dem Blick eines Großinquisitors an. Als er seinen Wohnungsschlüssel ins Schloß steckte, konnte er die Alte schimpfen hören, während sie die Spuren dieses neuesten Frevels beseitigte.
In der Küche räumte er seine Einkäufe ein und machte sich eine Tasse Tee. Dann ging er über den Flur in sein Arbeitszimmer. Am Schreibtisch stand ein Mann, der lässig in einem Stapel Arbeitsunterlagen blätterte. Er trug einen weißen Kittel wie die Kosmetikerinnen aus dem Schönheitssalon und war sehr groß mit athletisch breiten Schultern. Sein blondes Haar war graumeliert. Als der Eindringling den Professor hereinkommen hörte, sah er auf. Auch seine Augen waren grau, kalt wie ein Gletscher.
»Öffnen Sie den Safe, Herr Professordoktor.«
Die Stimme klang ruhig, beinahe kokett. Sein Deutsch war leicht akzentgefärbt. Er war nicht »Wolfie« das wußte Professor Stern sicher. Er hatte ein Talent für Sprachen und ein Ohr für einheimische Dialekte. Der Mann im weißen Kittel war Schweizer, und in seinem Schwyzertütsch lag der breite Singsang eines Mannes aus den Alpentälern.
»Verdammt, für wen halten Sie sich eigentlich?«
»Machen Sie den Safe auf«, wiederholte der Eindringling und wandte sich wieder den Papieren auf dem Schreibtisch zu.
»Der Safe enthält keine Wertgegenstände. Wenn Sies auf Geld abgesehen haben...«
Professor Stern konnte den Satz nicht mehr zu Ende bringen. Mit einer raschen Bewegung griff der Eindringling unter seinen Kittel und zog eine Pistole mit Schalldämpfer hervor. Der Professor kannte sich nicht nur mit Dialekten, sondern auch mit Waffen aus. Es war eine russische Stetschkin. Das Geschoß durchschlug die rechte Kniescheibe des Professors. Er sackte zusammen und hielt sich mit beiden Händen das verwundete Knie. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor.
»Jetzt müssen Sie mir wohl einfach die Kombination nennen«, sagte der Schweizer gelassen.
Die Schmerzen waren entsetzlicher als alles, was Benjamin Stern je erlebt hatte. Er holte keuchend Luft, versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Seine Gedanken glichen einem Mahlstrom. Die Kombination? Gott, er wußte kaum noch seinen Namen!
»Ich warte, Herr Professordoktor.«
Er zwang sich dazu, mehrmals tief durchzuatmen. Dadurch gelangte ausreichend Sauerstoff in sein Gehirn und er kam auf die Zahlenkombination des Safes. Während er die Zahlen aufsagte, zitterte sein Unterkiefer. Der Eindringling kniete sich vor dem Safe auf den Boden und drehte rasch das Zahlenschloß. Im nächsten Augenblick riß er die Safetür auf.
Der Unbekannte sah hinein, dann wieder zu dem Professor hinüber.
»Sie haben Sicherungsdisketten. Wo bewahren Sie die auf?«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
»So, wie es jetzt aussieht, werden Sie in Zukunft mit Hilfe eines Stocks gehen können.« Er hob die Pistole. »Schieße ich Ihnen auch ins andere Knie, verbringen Sie den Rest Ihres Lebens an Krücken.«
Der Professor war kurz davor, das Bewußtsein zu verlieren. Sein Unterkiefer bebte. Hör auf zu zittern, verdammt noch mal! Verschaff ihm nicht das Vergnügen, deine Angst zu sehen!
»Im Kühlschrank.«
»Im Kühlschrank?«
»Für den Fall ...«, neue Schmerzen durchzuckten ihn, »... daß es brennt.«
Der Eindringling zog die Augenbrauen hoch. Cleverer Junge. Er hatte eine Tasche mitgebracht, eine große Sporttasche aus schwarzem Nylon, ungefähr einen Meter lang. Jetzt griff er hinein und holte einen zylinderförmigen Gegenstand heraus: eine Spraydose. Er zog die Kappe ab und begann Symbole an die Wände des Arbeitszimmers zu sprühen. Symbole der Gewalt. Symbole des Hasses. Der Professor stellte fest, daß er sich absurderweise fragte, was Frau Ratzinger sagen würde, wenn sie das alles sah. Im Delirium mußte er etwas in dieser Art gemurmelt haben, denn der Unbekannte machte eine kurze Pause, um ihn mit ausdruckslosem Blick zu mustern.
Als der Eindringling mit seinen Graffiti fertig war, legte er die Spaydose in die Sporttasche zurück und stellte sich über den Professor. Das zerschmetterte Knie schmerzte so unerträglich, daß Benjamin Stern fieberte. Die Ränder seines Gesichtsfelds verdunkelten sich, so daß der Eindringling am Ende eines Tunnels zu stehen schien. Der Professor suchte in dessen aschefarbenen Augen nach einem Anzeichen für Geistesgestörtheit, fand aber nichts außer kühler Intelligenz. Dieser Mann ist kein rassistischer Fanatiker, sagte er sich. Er ist ein Profi.
Der Unbekannte beugte sich zu ihm hinunter. »Möchten Sie eine letzte Beichte ablegen, Professor Stein?«
»Was ...?« Der Professor verzog schmerzlich das Gesicht. »Was soll das heißen?«
»Die Sache ist ganz einfach: Möchten Sie Ihre Sünden bekennen?«
»Sie sind der Mörder«, flüsterte Benjamin Stern.
Der Attentäter lächelte. Er erhob erneut die Pistole und jagte zwei Schüsse in die Brust des Professors. Benjamin Stern spürte, wie sich sein Körper verkrampfte, aber weitere Schmerzen blieben ihm gnädigerweise erspart. Er war noch einige Sekunden bei Bewußtsein lange genug, um zu sehen, wie sein Mörder neben ihm niederkniete, und um zu fühlen, wie dessen kühler Daumen seine schweißnasse Stirn berührte. Dabei flüsterte der Mann etwas. Auf lateinisch? Ja, dessen war der Professor sich sicher.
»Ego te absolvo a peccatis tuis, in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.«
Der Professor blickte noch einmal in die Augen seines Mörders. »Aber ich bin Jude«, murmelte er.
»Macht nichts«, antwortete der Killer.
Dann setzte er die Stetschkin an Benjamin Sterns Schläfe und drückte ein letztes Mal ab.
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