Christian Simmert wurde 1998 mit 25 Jahren einer der jüngsten Abgeordneten des Bundestags. Er erzählt seinen Werdegang bei den Grünen in Nordrhein-Westfalen und schließlich von seiner Legislaturperiode 1998-2002. Trotz der gleich folgenden Kritik freut es mich, dass ein junger, motivierter und "unverdorbener" Abgeordnete ein solches offenes Buch schreibt. Es ist auch klar, dass so ein Buch nur von einem "revolutionären" Grünen kommen kann. Welcher Abgeordnete veröffentlicht schon sein Einkommen auf seiner Homepage, wer steht auch in der absoluten Minderheit wie dem Kriegseinsatz der Bundeswehr im Kosovo unabhängig vom Fraktionszwang noch zu seiner Meinung?
Allerdings hatte ich bei dem Titel wesentlich mehr Brisanz erwartet. Was ist eine Lobby? Simmert spricht zwar dieTabak- und Automatenlobby an, die Jugendschutzgesetze verhindern, doch das sind nur die "ökonomischen" Lobbys, die NICHT weiter vertieft werden. Für Simmert ist jede Gruppe mit einer Meinung eine "Lobby" wie z.B. die 7 bis zum Schluss erklärten Kriegseinsatz-Gegner im Bundestag. Und - oh Wunder - je größer die Gruppe, um so mehr setzt sie ihre Meinung durch. Das ist noch Basisdemokratie. Interessant ist die Macht der Altvorderen und der Ministerien, die die gewählten Parlamentarier unter Druck setzen, z.B. durch einen schlechteren Listenplatz bei der nächsten Wahl. Das Buch beschreibt im wesentlichen den täglichen Zank, bis endlich Mehrheiten im Bundestag gefunden sind, und es gab auch eine Reihe von interessanten Entscheidungen wie der Atomausstieg von Trittin, der Bundeswehreinsatz im Kosovo und schließlich die Reaktionen auf den 11.September, auf die das Buch einen Schwerpunkt setzt. Ist aus der Zeitung bekannt, hier sind die Abläufe noch einmal zusammengefasst.
Die Macht der bezahlten und zahlenden Lobbys wird aber kaum angesprochen, der Titel täuscht. Die bezahlten Lobbys hatten mit dem 11.September-Schock nichts zu tun. CDU und SDP erhalten auch mal eine Parteispende von 30- oder 40.000 Mark, doch mehr Information gibt es nicht oder will Simmert aus Rücksicht nicht geben. Es ist aber nicht zu glauben, dass mit so wenig Mitteln und Einsatz ganze Reformen in Deutschland verhindert werden. Die Millionen, die hinter den Kulissen fließen, und/oder die gewährten Vorteile spricht Simmert nicht an. Statt an Hand der angesprochenen Entscheidungen die strukturellen Schwächen herauszuarbeiten, verliert er sich über Seiten im Hin und Her des Alltags - mit nur minimaler Interpretation auf den letzten Seiten. Eine schöne Dokumentation der frustrierenden Basisarbeit im Bundestag, der Manipulation und Einflussnahme, ich hätte mir aber abgesehen vom verwirrenden Titel eine wesentlich "knackigere" Zuspitzung auf die entscheidenden Schwächen des Parlaments gewünscht.