Tracy Chevaliers aktueller Roman wirft einen Lichtstrahl auf eine faszinierende Persönlichkeit des 18./19 Jahrhunderts, den Maler, Dichter und Visionär, William Blake. Obwohl diese Lichtgestalt nicht im Mittelpunkt der Geschichte zu stehen scheint, durchdringt der Geist Blakes, seine Ideen und Ideale die gesamte Handlung des Romans. An diesem genialen Schachzug bemerkt der verzückte Leser wieder einmal das Einfühlungsvermögen der sensiblen Autorin. Aus der Sicht von zwei aufgeweckten Kindern erleben wir die englische Metropole London in den Jahren 1791 - 1793, mit all ihren Geheimnissen, Verlo-ckungen und lauernden Gefahren.
Aus dem beschaulichen Dorsetshire kommt die Familie Kellaway ausgerechnet nach London, um dort einen Neuanfang zu wagen. Seit der älteste Sohn durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, fühlen sich die Kellaways zu Hause nicht mehr wohl. Aber als die vor dem berühmten Amphitheater des Philip Astley stehen, kommt ihnen der leise Verdacht, nicht genügend auf die neue Wohnsituation eingestellt gewesen zu sein. Die kesse Maggie Butterfield, ein echtes Großstadtkind, zeigt lebhaftes Interesse an den Landeiern, besonders aber für die Geschwister Jem und Maisie. Wie sie ihnen sogleich berichtet, wurde unlängst ein lauschiger Pfad unweit ihres Wohnortes als "Schlitzerweg" benannt, weil dort ein Mann erstochen aufgefunden wurde. Inwieweit die Geschichtenerzählerin selbst in das Geschehen involviert war, will sie zu diesem Zeitpunkt lieber nicht erwähnen, freut sie sich doch an den ziemlich geschockten Gesichtern ihrer neuen Nachbarn, die in einer Wohnung des Zirkusdirektors einquartiert werden.
Die Kellaways leben sich jedoch besser ein, als erwartet. Nach einem Brand im Theater erhält Vater Kellaway dort eine Stelle als Zimmermann. Bei diesem aufregenden Ereignis lernen Maggie und Jem auch das etwas seltsame Ehepaar Blake kennen. Der Sonderling Blake kann die Kinder mit seiner Gegensatztheorie begeistern und singt ihnen sogar ein eigens erdachtes Lied aus. Bald darauf haben die Kinder sogar die Gelegenheit einen Blick in das Liederbuch Lieder der Unschuld zu werfen. Die kleine Maisie dagegen hat, genau wie ihre Mutter, eine Vorliebe für den Zirkus entwickelt. Eine besonders heftige Schwärmerei für den Sohn des Direktors, John Astley, hat sie erfasst.
Doch die unschuldig gelebten Tage nehmen bald ein Ende. Maggie wird von ihrer Familie zur Fabrikarbeit gezwungen, um zum Lebensunterhalt der Butterfields bei zu tragen. Au-ßerdem hat die in Frankreich wütende Revolution nun auch die Engländer gedanklich gefangengenommen. Bald kommt es zur Spaltungen und Unfrieden in der Gesellschaft. Außenseiter wie William Blake haben es hier besonders schwer. Aber auch die Kellaways müssen eine endgültige Entscheidung treffen. Wollen sie wirklich zu den Londonern gehören oder ist die Sehnsucht nach einem behaglichen Leben auf dem Lande doch zu groß?
Ein sehr anschauliches Bild der englischen Großstadt vor über 200 Jahren hat die Autorin hier gezeichnet. Man glaubt fast den Lärm in den Straßen und Gassen zu hören, man glaubt die fiebrig heiße Stimmung der Zirkusaufführung zu fühlen und sieht die heraus geputzten Ladies im Sonntagsstaat flanieren und die stark geschminkten Huren nach ihren Freiern Ausschau halten. Ein ganz neues Universum wird erforscht als Maggie und Jem heimlich den Blakes zur der Beerdigung von Mutter Blake folgen und die verschiedenen Bezirke der Großstadt durchstreifen. In ihrer ruhigen Erzählweise berichtet Tracy Chevaliers von den neugierigen Protagonisten und ihren Abenteuern auf dem Weg zum Erwachsen werden. Ihre Träume, Wünsche und Enttäuschungen begleiten den Leser, die teilweise durch die poetischen Lieder und Gedichte des Mr. Blake unterstrichen werden.
Ein sehr harmonischer Roman mit einer anziehenden Grundstimmung und einer schöner Botschaft!