Annelies Laschitzka hat Geschichtswissenschaft in Leipzig studiert und sich bereits in der DDR mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wissenschaftlich beschäftigt. In der DDR wurde Karl Liebknecht bekannterweise als Märtyrer gefeiert. Ganz so weit will die Autorin heute nicht mehr gehen, aber ihre unverkennbare Sympathie für Liebknecht wird natürlich schon deutlich. Verhaltene Kritik äußert die Autorin, wegen der Ungeduld Liebknechts in manchen politischen Fragen aber auch seinem manchmal fragwürdigen, fast rücksichtslosen Verhalten in seinem familiären Leben. Die Autorin will mit ihrer Biografie den ganzen Menschen Liebknecht charakterisieren (seiner zweiten Ehefrau Sophie wird etwas weniger Aufmerksamkeit zuteil; sie bleibt aber durchaus nicht unerwähnt).
Viele politischen Ereignisse aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg und der Weimaer Zeit, z.B. die enorme Sprengkraft, die die wichtige Frage der Kriegskredite in der Arbeiterbewegung auslöste, werden sehr lebendig geschildert. Die Diskussionen mit Rosa Luxemburg werden erhellend thematisiert. Auch seine vielfältigen internationalen Kontakte und sein unermüdlicher Einsatz für die Internationale nehmen breiten Raum ein. Sehr gut gelungen fand ich die Darstellung der relativ langen Gefängnisaufenthalte (Festungshaft und Zuchthaus) Liebknechts, und wie er persönlich damit umging.
Annelies Laschitzka gelingt es außergewöhnlich gut, dem Leser die unbändige Kraft, die Rigorosität, aber auch die emotionale Ungestümheit der Persönlichkeit Liebknecht sowie seinen selbstlosen Einsatz für seine politischen Ideale lebendig vor Augen zu führen. Auch wenn man mit der politischen Einstellung Liebknechts nicht sympathisiert, hat man durch die Lektüre dieses Buches einen "Gewinn", weil "Geschichte" lebendig wird und kaum spannender erzählt werden kann. Der politisch Interessierte wird dieses Buch gern als gut lesbare, materialreiche weitere Informationsquelle mit Hintergrundinformationen, insbesondere für stürmische Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, zur Hand nehmen. Die bis heute nicht in vollem Umfang aufgeklärte Ermordung Liebknechts und Luxemburgs kommt leider nur relativ kurz weg.