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26 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Glücklichsein, Heiraten und Kinderkriegen leichtgemacht??, 5. Januar 2006
Nein, keineswegs. Elfriede Jelinek schildert in ihrem Werk "Die Liebhaberinnen" die Geschichte von zwei Frauen, die sich als so naiv und dekadent erweisen, das es schon schmerzt.Brigitte, die in einer Miederwarenfabrik Büstenhalter näht, hat ihre Arbeit satt. Sie verachtet aber gleichzeitig ihre Mitarbeiterinnen, denn Brigitte hat den festen Entschluss gefasst, Heinz, einen zukünftigen Geschäftsmann, auf den sie es abgesehen hat, fest an sie zu binden, indem sie sich von ihm schwängern lässt und so der lästigen Arbeit in der Fabrik zu entkommen. Das erweist sich jedoch als äußerst schwierig, da Heinz von Brigitte alles andere als überzeugt ist, ebenso seine Eltern, die Brigitte verachten und sie loswerden wollen. Und auch die aufkommende Konkurrentin Susi, eine selbstständige gutmütige, jedoch etwas dümmliche Frau, an der Heinz interessiert ist, macht es Brigitte nicht leicht. Doch Brigitte gibt nicht auf. Sie versucht mit allen Mitteln, Heinz an sich zu binden, der ihr ein Kind und letztendlich als zukünftiger Geschäftsmann Besitz und Genugtuung bescheren soll!! Dabei unterwirft sie sich Heinz gnadenlos, der nur auf seinen Vorteil und Spaß bedacht ist. In Wirklichkeit hasst Brigitte Heinz, sieht in als 'fettes Schwein, der für zwei frisst'. Doch Brigitte hat ihr Ziel deutlich vor Augen: Eine durch ein Baby erzwungene Heirat mit Heinz, um sich ihre Zukunft zu sichern. Als sich herausstellt, dass Susi keineswegs eine Konkurrenz für Brigitte darstellt, da sie auf Besseres aus ist, erreicht Brigitte ihr Ziel: Sie wird schwanger und heiratet Heinz!! Und sie führt ein glückliches Hausfrauen-/Geschäftsfrauleben. Brigitte hat ihr Ziel erreicht!! Neben der Geschichte Brigittes wird die Geschichte der naiven 15-jährigen Paula erzählt, die auf dem Land lebt. Anders als alle anderen Mädchen im Dorf will Paula keine Verkäuferin werden, sondern Schneiderin!! Sie beginnt eine Lehre. Doch Paula strebt nicht nach beruflichem Erfolg, sie strebt nach Liebe, die sie in ihrem Elternhaus nicht bekommt. zu Hause wird sie nur geschlagen und ausgenutzt. Sie verliebt sich schließlich in Erich, ein gut aussehender, 23-jähriger Holzarbeiter mit einem gravierendem Defizit an Intelligenz und einem Alkoholproblem, der im Sommer die weiblichen Sommergäste mit seinem Aussehen betört und schließlich körperlich beglückt. Doch Erich interessiert sich nur für Mopeds und schnelle Autos. Während Paula Erich liebt, denkt er nur an Fahrzeuge, wobei sein Intellekt ironischerweise nicht dazu ausreicht, den Führerschein zu bestehen. Schließlich wird Paula, deren größter Wunsch ebenfalls eine Heirat ist, schwanger. Sie besitzt die volle Überzeugung, Erichs Alkoholproblem durch das Baby zu lösen und seine Liebe zu ihr zu entfachen. Erichs Eltern, die mit aller Macht versucht hatten, Paula von ihrem Erich fernzuhalten, erlauben nun die Hochzeit, die Erich getrost 'wurscht' ist, weil er ja nur an seine Motoren und Mopeds denkt. Als Paula mit Erich verheiratet ist, ändert sich jedoch Erich keinen Deut. Er versäuft das ganze Geld, die von Paula erhoffte eigene Wohnung für Paula und Erich und die mittlerweile zwei Kinder bleibt aus. Da begeht Paula einen großen Fehler, der sie schließlich ihr ganzes Glück kostet. Um sich eine eigene Wohnung leisten zu können, prostituiert sie sich. Als dies publik wird, lässt sich Erich scheiden, nimmt ihr die Kinder und zerstört somit ihr Leben. Paulas Neuanfang beginnt dort, wo Brigittes altes Leben endete: Die Miederfabrik, in der sie nun für einen Hungerlohn arbeiten muss, um sich über Wasser halten zu können. Paula hat ihr Ziel nicht erreicht!! Elfriede Jelinek erzählt in ihrem Roman nüchtern und völlig ungeschönt die Geschichte zweier Frauen, die eine größtenteils identische Lebensgeschichte und völlig identische Lebensziele vorweisen. Wobei jedoch eine Frau Erfolg hat, die andere dagegen völlig scheitert. Dabei idealisiert Jelinek nichts, sie schreibt, wie es wirklich ist. Sie bedient sich schmutziger, vulgärer Wörter, sie beschreibt damit passend die schlimmen Dinge, die den Frauen widerfahren, die sie jedoch wortlos auf sich nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Auch die Figuren sind sensationell beschrieben: Die naive, dekadente Brigitte, die ständig von Liebe redet, jedoch in Wirklichkeit 'Besitz' meint, die Heinz hasst, ihn jedoch zu ihrem Lebensziel erhebt, da er ihr einen guten Lebensstandard bieten kann. Die dumme Paula, die wirkliche Liebe erstrebt, die Erich ganz für sich gewinnen will, die-naiv wie sie ist-glaubt Erich ändern zu können und die schließlich an ihren Zielen und an ihrer Naivität scheitert... Der Roman ist auf jeden Fall lesenswert, da er aufgrund der durch den stakkatoartigen Schreibstil und den respektlosen, vulgären Wortschatz geschaffenen Atmosphäre durchaus überzeugt. Keine leichte Kost ist dieser Roman. Vor allem dadurch keine leichte Kost, da hier schonungslos von Abtreibungsversuchen und Schlägen in den Mutterbauch seitens Paulas Eltern erzählt wird, um den 'Bankert' (~Balg) in Paula wieder loszuwerden. Auch keine leichte Kost dadurch, dass von Brigitte erzählt wird, die den Wunsch hat, einen Säugling mit Holzsplittern in den Zehen zu quälen und die das eigene Kind mit Tritten in den Rücken zurück ins Haus treibt. Dieser Roman schockiert allein schon durch seine Sprache, doch er zeichnet ein brillantes und realistisches Innenleben zweier Frauen, die an Naivität und Unterwerfung nicht zu übertreffen sind!!
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