Neue Zürcher Zeitung
Blutige Schnitte durch Algeriens Geschichte
Anouar Benmalek: «Die Liebenden von Algier»
Schon die Griechen fanden: An dieser Küste hausen Barbaren. Damit hatten die Berber ihren Namen. Die Europäer der frühen Neuzeit dachten ebenso: Was heute Maghreb heisst, der «Westen» der Araber, war für sie schlicht die Barbarey. Vier Jahrhunderte später hat sich die Einstellung kaum geändert: Als Anna, die Schweizer Zirkusartistin und Heldin des neuen Romans von Anouar Benmalek, 1955 in Algier ihren Geliebten Nasreddin ehelicht, ist sie für den Standesbeamten der französischen Kolonisten eine Abtrünnige: «Madame, Sie verraten Ihre Rasse!» Inferior sei die nordafrikanische Rasse, hiess es 1892; die Köpfe der Berber und Araber, so ein Offizier, seien erst nach dem Abschneiden zu zivilisieren. Jetzt herrscht Krieg: Die Guerilla der FLN möchte das Land von den Kolonisten befreien. Die Menschen zwischen den Kämpfern haben Angst. Mit Grund. Schon an der ersten Strassensperre werden die Liebenden auf dem Heimweg ins Gebirge, die Aures Nasreddin ist echter Berber von französischen Militärs getrennt.
Wenige Seiten später hat Folter Nasreddin gebrochen, ist seine Frau des Landes verwiesen, haben die Guerilleros aus Rache für die von ihm verratenen Mitkämpfer seiner Mutter und seinen Kindern die Kehle durchgeschnitten. Mit dieser Trennung, einem brutalen Schnitt, beginnt ein Todesreigen, der sieben Jahrzehnte blutrünstiger Geschichte, das Schicksal Algeriens in diesem Jahrhundert, umspannt; und hebt eine der bewegendsten Liebesgeschichten unserer Tage an. Denn nach vier Jahrzehnten der Trennung und einer zweiten Ehe kehrt Anna nach Algerien zurück, um das Grab ihrer Kinder zu suchen und ihren ersten Mann.
Was sie nicht sehen will, ist der Bürgerkrieg, in dem sich das Land zerfleischt: wie nunmehr islamistische Terroristen einer Mutter den abgeschlagenen Kopf ihres Sohns auf einem Serviertablett zustellen das Bild, mit dem das Leben einige Strassenzüge weiter Nasreddin nach seinem grotesk verläpperten, aus Überdruss am eigenen einsamen Dasein unternommenen Suizidversuch wieder willkommen heisst. Die Tränen eines jungen Erdnussverkäufers rühren Anna, aber sie ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt: das Elend eines Lebens auf der Strasse merkwürdig, auch das heisst bei uns Berber sein! , die Wahl zwischen Müllkippe und Strichertum, der gewaltsame Tod des einzigen Freundes. Eine winzige Atempause gönnt uns der Autor an diesem Punkt, lässt Anna und den Jungen einander näher kommen, lädt uns zu einer Verkleidungsposse ein: Anna spielt mit seiner Hilfe die Araberin im weissen Schleier, die auf dem Weg ins Gebirge von ihrem Enkel begleitet wird. Dann rollt der nächste Kopf, und die «Afghanen» haben die beiden in ihrer Hand.
Selten hat man beim Lesen solche Angst umzublättern und selten ist der Zwang grösser, es doch zu tun; es kostet Kraft, dem Schrecken ins Gesicht zu sehen, und es muss sein. Benmalek berichtet von Akten der Barbarei, als gälte es zu beweisen, dass der Maghreb seinen alten Namen zu Recht trug. Aber die Menschen sind hier nicht einfach unmenschlich, grausam und roh: Sie sind Opfer der Entwürdigung, die nach Rache dürsten, und das auslösende Unrecht lässt sich politisch beschreiben: als Rassismus der Kolonialherren oder dies zeigt sich in der wüsten Geburtsszene Nasreddins als Patriarchat. Nur gegenüber den Gotteskriegern verschlägt es dem Chronisten vor Abscheu den analytischen Hintersinn: Hier genügt ihm das individualpsychologische Argument, dass Halbstarke sich gern aufführen wie Moses und Al Capone zusammen; was den teuflischen Reiz des Jihad denn doch nicht ganz erklärt.
Verkappte Reportage, denkt man fast unwillig zu Beginn, zumal der Mathematiker Benmalek auch Journalist ist und uns wie CNN überall da hinjagt, wo es brennt. Kolportage, fügt man hinzu, wenn er die oft blutigen Schnitte wie das Fernsehen am dramatischen Höhepunkt setzt und das Schicksal die Liebenden mehrfach wie in einem Schauerstück trennt. Aber erstens ist die Parallel-Montage und Architektur der Rückblenden kunstvoller, als es scheint. Und zweitens setzt Benmalek, fern aller TV-Konfektion, auf grösstmögliche Unmittelbarkeit: Kein gehechelter Kommentar, aber auch keine gedrechselte literarische Selbstreflexion tritt zwischen Leser und Geschehen, schützt vor der Wucht einer erbarmungslosen Wirklichkeit. Darum auch das zunächst irritierende Präsens des Reporters, das vielmehr ein Präsens der Distanzlosigkeit ist, der Gegenwärtigkeit, des rohen Zuckens von Fleisch, denn so schnell heilt die Zeit die Wunden nicht, dass man sagen könnte: Es war einmal.
Die Rückkehr des Realen erlebt die Literatur des Maghreb seit Ende der achtziger Jahre: Eine neue Generation, aber auch Heroen des literarischen Aufbruchs wie Rachid Boudjedra erzählen heute direkter, nähern sich der Reportage; für die Jüngsten ist das Zeugnis des alltäglichen Terrors fast Pflicht. Aber was roh scheint, ist bei Benmalek eher eine Ästhetik von tragisch-grotesker Art brut, die der Autor als Spiegel des Factum brutum verwendet. Die Verbitterung eines Ambrose Bierce liegt ihm dabei fern; Benmalek, Mitbegründer des Algerischen Komitees gegen die Folter, steht eher in der Nachfolge von Camus. Keine Figur, die nicht Algerien, dieses grausame Land, verflucht und doch kann, wer ins Exil geht wie einst Nasreddin oder auch der nach Frankreich emigrierte Schriftsteller selbst, seiner Heimat nicht einfach den Rücken kehren. Zugehörigkeit erscheint als Schicksal, nicht aber die Taten, die einer begeht. Gott kommt über dem Abschlachten abhanden er wäre, wenn es ihn gäbe, der wahre Barbar. Doch was bleibt, wenn der gleissende Himmel von transzendenten Sinnversprechen leergefegt wird?
Die Zyklen der Barbarei wären unerträglich, gäbe es nicht den Pfeil der Hoffnung: die Liebe. Sie beginnt verlegen. Zwei Ausgestossene finden zögernd, voll Misstrauen und Groll zueinander. Dann das panische Entzücken Annas, als «ihr Fleisch zum ersten Mal an eine seltsame Insel anlegt: den Körper eines Mannes». Hier und immer wieder brilliert Benmalek als Erotiker. Das Pendant seiner Sorge um den gefolterten Leib der Kreatur ist eine derbe und eben darin zärtliche Sinnlichkeit. Die Nahsicht der Gerüche schenkt uns zwei einzigartige Wiederbegegnungsszenen. Fast schon verpatzt enden sie, wäre da nicht der Duft von Klatschmohn und dann von Mimosen, der Nasreddin die verlorene Geliebte noch in ihrer tiefsten Erniedrigung wiedererkennen lässt. Es folgt das schönste Liebesgeständnis: «Bei mir wackeln die Zähne, ich bin faltig wie ein alter Affe, aber ich liebe dich!» Da ist das Schlimmste überstanden, auch der kathartische Augenblick, in dem die Geiseln endlich ihrem Peiniger das Hirn zertrümmern erschreckend durch unsere eigene Lust und Teilnahme. Dies ist ein wilder und erschütternder Roman über Barbaren wie wir.
Ludwig Ammann
Perlentaucher.de
Das "historische Drama Algeriens", schreibt Christoph Vormweg, hat der 1956 geborene, als Privatdozent in Rennes lebende Autor, mit der "einfühlsamen, nie sentimentalen Beschreibung einer großen Liebe" verbunden. Dabei geht es um die Schweizer Artistin Anna, deren Zirkustruppe sich 1942 ins Exil nach Nordafrika begeben hat. Dort begegnet sie der großen Liebe, dem Araber Nasreddin, aber ihr Leben wird durch das Verschwinden des Mannes und den Mord an ihren zwei Kindern beinahe zerstört. Benmalek hat mit seiner "luziden, tabulosen Drastik" des Stils den Rezensenten an den Romancier Rachid Mimouni erinnert. Die "spannungsreich" verwobenen "Zeitebenen von Welt-, Befreiungs- und Bürgerkrieg" bieten nirgends fraglose Helden an; und dass die beiden Liebenden am Ende doch noch wieder zusammenfinden, meint Vormweg, ist nur "ein symbolischer Mutmacher", eine Art "Atempause in einem Land der Angst".
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Pressestimmen
Kurzbeschreibung
In dieser Situation macht sich Anna als Araberin verkleidet und mit Hilfe von Dschallal, einem kleinen Straßenjungen, auf den Weg in das Bergdorf, aus dem Nasreddin stammt. Sie möchte dort das Grab ihrer beiden Kinder besuchen, die damals von den Mudschahidin in einer Racheaktion ermordet worden waren. Und sie hofft gegen jede Vernunft, Nasreddin wiederzusehen. Die Unternehmung beginnt für das ungleiche Paar fast wie eine Abenteuerfahrt und führt beide schließlich an die Grenze des Ertragbaren.
Anouar Benmalek erzählt zart und poetisch, aber immer wieder auch grausam-realistisch die Geschichte von Anna und Nasreddin, die sich gegen alle Widerstände finden, verlieren, wiederfinden und scheinbar endgültig getrennt werden. Und am Ende gilt für beide, was Zehra, Nasreddins Mutter, ihrem Sohn einmal gesagt hat: »Das Leben ist seltsam, mein Sohn! Auch noch im schlimmsten Augenblick wirst du niemals genug davon bekommen, denn das Leben ist wie Salzwasser: Je mehr du davon trinkst, mein Sohn, desto durstiger wirst du!«