"Die Liebe in den Zeiten der Cholera", von dem Literatur-Nobelpreisträger, aus dem Jahre 1985, Gabriel García Márquez, ist einer der größten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts und gilt bis heute als eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Jetzt schrieb Ronald Harwood nach dieser Romanvorlage ein berauschendes Drehbuch, das vom britischen Regisseur Mike Newell als opulentes Überwältigungsszenario im Herzen Kolumbiens inszeniert wurde. Der Produzent Scott Steindorff musste dem Schriftsteller versprechen, den Film nicht im "Hollywood-Stil" zu drehen.
Es geht um die Dauer einer Liebe und die Frage, wie lange man auf deren Erwiderung warten kann. Die Handlung beginnt um das Jahr 1880 und endet in den 1930 er Jahren. Der Augenblick, in dem sich der junge Telegrammbote Florentino Ariza (Javier Bardem) in die wunderschöne Fermina Daza (Giovnanna Mezzogiorno) verliebt wird sein ganzes weiteres Leben bestimmen. Zunächst schreiben sich die beiden Verliebten glühende Liebesbriefe, dann folgt der Heiratsantrag. Florentino ist ein Romantiker, den die Liebe ereilte, wie andere die Cholera. Dem Heiratsantrag stimmt der Vater von Fermina nicht zu. Sie, die Tochter aus reichem Hause, soll eine bessere Partie machen. Unter dem Druck des Vaters stimmt die junge Frau schließlich der Hochzeit mit dem weltgewandten Arzt Dr. Juvenal Urbino (Benjamin Bratt) zu. Florentinos Liebe bleibt und er schwört ewige Treue. Aus der Ferne verfolgt er das Leben seiner Angebeteten. Beruflich macht er Karriere, wird schließlich Direktor der Karibischen Flussgesellschaft. Während der "Wartezeit" von 51 Jahren, neun Monaten und vier Tagen hat er sexuelle Beziehungen mit über 622 Frauen, die er meist keusch mit gesenkten Augenlidern und zunehmender Melancholie beschläft. Über diese Begegnungen führt er penibel wie ein Revisor Buch. Von diesen Liebesaffären zeigt der Regisseur 22, durch die sich Florentino stoisch hindurch kämpft. Javier Bardem ist als großer Bösewicht im Kino bekannt, ein großer Liebender ist er wahrlich nicht.
Die Schwierigkeit dieser Verfilmung ist die Bewältigung der Aufgabe, zu zeigen wie die Schauspieler im Verlauf des Films um 50 Jahre altern. Newell beweist gleich zu Beginn des Films, dass er dieses Grundproblem erkannt hat. Schon in der ersten Szene stirbt Doktor Juvenal Urbino, der Ehemann von Fermina, beim Sturz von einer Leiter. Danach erfährt Florentino, während eines gestörten und anschließend sofort unterbrochenen Geschlechtsaktes, die Todesnachricht. Die beiden Hauptfiguren begegnen sich und dabei fällt ihm die Witwe nicht um den Hals, sondern empfiehlt ihm sich zum Teufel zu scheren.
Es folgt der Rückblick über 51 Jahre, neun Monate und vier Tage. Und dann schreibt Florentino wieder Liebesbriefe, die zunächst von Fermina zerrissen werden. Schließlich lässt sie sich doch zu einem Treffen überreden. Im gereiften Alter finden die beiden bei einer Bootsfahrt im Dschungel Kolumbiens zueinander. Die Haare sind grauer, die Maske immer faltenreicher, der Gang immer gebeugter geworden, aber offensichtlich funkt es nicht richtig zwischen den Hauptdarstellern. Kahlköpfig und verholzt besteigt Florentino den Raddampfer, um sich die lange verdiente Liebesnacht mit der greisen Fermina zu erfüllen. Die Liebe bekommt eine letzte Chance. So viel zum Plot.
Resümee: In diesem sinnlichen südamerikanischem Liebesepos kommen die wichtigsten Stellen aus dem kongenialen Roman vor, nur die Geschwindigkeit mit der die Stationen abgespult werden, erweckt falsche Erwartungen, denn der Roman spielt im ausgehenden Postkutschenalter.
Natürlich verliert diese herzergreifende Literaturverfilmung als Adaption einiges vom Zauber der Literaturvorlage. Doch in den zwanzig Jahren, seit Francesco Rosis Romanverfilmung "Chronik eines angekündigten Todes", die seinerzeit in allen Kritiken verrissen wurde, sind Fortschritte bei den Adaptionsversuchen festzustellen. Newell versucht subtil die Ästhetik des karibischen "Fin de Siécle" in der brodelnden, glühenden kolumbianischen Metropole Cartagena, wie auch die Beschreibungen Márquez' minuziös wiederzugeben, in einer ansonsten eher weitschweifigen Inszenierung. Andreas Kilb spricht in seiner Kritik in der FAZ von einem "Zerrissensein zwischen Marktgängigkeit und Textreue". Ich finde an dem Film ist wenig auszusetzen. Gelungen ist der Mix aus europäischen und amerikanischen Schauspielern, die sich redlich bemühen den gewaltigen Rahmen, den Marquez in seiner Romanvorlage entfaltet hat, zu meistern. Javier Bardem weiß mit seinem seltsamen, exzentrischem Stil zu überzeugen, Benjamin Bratt spielt überzeugend elegant, Giovanna Mezzogiorno, wunderschön, harsch und spitznasig-zickig reicht allerdings bedauerlicherweise nicht an das Charisma der Romanfigur heran.
Zusammenfassend ist festzustellen: Trotz seiner hundertvierzig Kinominuten, kommt zu keiner Zeit Langeweile auf. Es ist in jeder Hinsicht ein Film für Freunde der Marquez Literatur und für ältere Jahrgänge. Bäume, Tiere, Menschen, Landschaften und Städte erstrahlen bunt, üppig grün und pittoresk und auch sonst verrät das Setdesign Liebe zum Detail, bei dem der Regisseur einen Hauch Karibik im feuchtheißen Kolumbien mit Raddampfern, Opernbühnen, Dschungellandschaften, Kostümen und der zwischendurch wütenden Cholera präsentiert. Allein der Soundtrack des kolumbianischen Gesangstars Shakira stört, denn er passt überhaupt nicht in die dargestellte Zeit.
Ein großartiger Film, den man sicher auch mehrmals sehen kann und der möglicherweise den Wunsch weckt das Buch noch einmal zu lesen.