Pressestimmen
Belmondo in Sibirien
Andrei Makines «Liebe am Fluss Amur»
Die Wege des Buchmarkts sind unergründlich. 1995 wurde der russische Emigrant Andrei Makine (geb. 1957) über Nacht berühmt, als sein vierter Roman, «Das französische Testament», gleich mit den beiden wichtigsten Literaturpreisen in Frankreich, dem Prix Médicis und dem Prix Goncourt, ausgezeichnet wurde. Zuvor hatte er seine französisch geschriebenen Werke als Übersetzungen aus dem Russischen ausgeben müssen, um überhaupt einen Verleger zu finden. Die Farce ging sogar so weit, dass Makine einmal in Rekordzeit ein russisches «Originalmanuskript» erstellen musste, damit die Qualität der «Übersetzung» geprüft werden konnte. Erst Makines dritter Roman «Au temps du fleuve Amour» erschien 1994 in Paris ohne die Angabe eines fiktiven Übersetzers. Nach dem Erfolg des «französischen Testaments» liegt nun auch dieser Text auf deutsch vor das unübersetzbare Wortspiel des Originaltitels musste dabei aber einer Umschreibung weichen: «Die Liebe am Fluss Amur».
Makine schreibt eine pointiert sinnliche Prosa, die nicht nach jedermanns Geschmack sein muss. Wer sich aber auf den eigenwilligen Stil einlässt, wird auf ungewöhnliche Bilder und ausdrucksvolle Metaphern stossen. Wie das preisgekrönte «französische Testament» arbeitet auch schon Makines dritter Roman an einer literarischen Ausdeutung der Konfrontation von Ost- und Westeuropa. Allerdings beobachtet Makine in «Die Liebe am Fluss Amur» keine Nahtstelle zwischen sowjetischer und abendländischer Kultur, sondern wählt zwei Extrempole dieses Unterschiedes aus: Während der Breschnew-Ära wird in einer sibirischen Kleinstadt, die im meterhohen Schnee versinkt, ein Belmondo-Film gezeigt. Die geheimen Wünsche dreier Jugendlicher richten sich auf diese künstliche Kinowelt, die den französischen Star als unerschrockenen Kämpfer und erfolgreichen Frauenhelden feiert. Belmondo wird für die Jungen zur Signatur eines anderen Lebens, das nicht von betrunkenen und dumpf triebhaften Sowjetmenschen bevölkert ist.
Bei dieser Konstruktion hätte es der Autor bewenden lassen können. Es gehört jedoch zu den besonderen Qualitäten des Romans, dass Makine am Schluss das Verhältnis von Realität und Traumwelt umkehrt: Die Protagonisten finden sich in einem New Yorker Emigrantenrestaurant wieder, und nun ist es der Fluss Amur, der für sie zum Inbegriff von poetischer Schönheit und heimlicher Nostalgie wird.
Ulrich M. Schmid -- Neue Zürcher Zeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Andreï Makine, geb. 1957 in Sibirien, studierte Philologie in Moskau und Twer. Durch seine französische Großmutter wurde er schon als Kind mit der Sprache und Kultur Frankreichs vertraut gemacht. Seit 1987 lebt er in Paris. 1995 wurde er mit dem Roman 'Das französische Testament' international bekannt. Das Buch erhielt mehrere sehr renommierte Preise und wurde in 27 Sprachen übersetzt.