Dieses Buch ist ein Glücksfall. Hier traut eine Autorin ihrer Geschichte, läßt sie ganz langsam sich entfalten und nimmt uns Leser in den Sog des Rätselhaften und Unheimlichen, der sich Seite für Seite steigert.
Wer Marlen Haushofers "Die Wand" kennt und liebt, der sollte auch Jean Heglands "Die Lichtung" lesen. Beide Bücher sind schwarz und romantisch, aber auf eine gnadenlose Art. Beide verbindet ein ähnliches Motiv und eine ähnlich düster-soghafte Grundstimmung.
In "Die Wand" findet eine Frau sich eines Morgens von einer nicht sichtbaren, aber undurchdringlichen Wand umgeben, und die Welt hinter dieser Wand scheint aufgehört haben zu existieren. Nach und nach verdichtet sich die Ahnung, daß allein der von der Wand umgebene Talkessel am Leben geblieben ist, daß diese Frau also die letzte Überlebende der Erde ist. Aber was ist passiert? Eine Umweltkatastrophe oder etwa ein militärisches Experiment, das schiefgelaufen ist? Bis zum Schluß wird diese Frage in "Die Wand" schmerzhaft im Raum stehen.
Auch in "Die Lichtung" geht die Welt auf eine sonderbar ungeklärte, aber unaufhaltbare Weise zugrunde. Was wir als Leser erfahren, sind Gerüchte: Politische Putschs habe es vielleicht gegeben, erfahren wir, Anschläge auch, Seuchen tauchten auf und griffen um sich, Klimakatastrophen geschahen, oder auch alles zusammen. Genaues weiß keiner, und nach und nach versiegen die vertrauenswürdigeren Nachrichten, denn das Stromnetz bricht zusammen, Fernseh- und Radiostationen senden immer seltener, bevor sie nur noch Musik vom Band spielen und schließlich ganz aufgeben.
So wie in "Die Wand" ist es auch in "Die Lichtung" die weibliche Kraft, die mit der Katastrophe umgehen muß und sie schließlich überlebt. Bei Marlen Haushofer war eine Frau um die fünfzig. Bei Jean Hegland sind es zwei Mädchen, Geschwister, 17 und 18 Jahre alt.
Es ist ein faszinierendes, ein feinfühliges und dennoch brutales Buch. Ein Buch, das ich mit einem immer größer werdenden Erstaunen und mit wirklicher Dankbarkeit gelesen habe. Denn anders als andere Bücher, hinter denen allzu deutlich das Konstrukt, die Absicht des/der Autorin oder ein pädagogischer Zeigefinger hervorscheint, nimmt dieses Buch hier einen einfach mit. Es ist so wunderbar reichhaltig und spannend, daß man es am liebsten in einem Zug lesen möchte, es austrinken.
Es packt einen an der Hand, am Herz und an jenen Schichten des Gehirns, die wir eigentlich noch aus unserer Kindheit kennen müßten - wenn wir Bücher lasen, wo Kinder ganz allein durch einen sibirischen Wald wandern mußten, wo sie sich über gefährliche Meere und durch ferne Abenteuer schlugen, wo sie ausgesetzt waren auf wilden Inseln oder in eisigen Welten -, und Jean Hegland schafft es, diese tiefe Sehnsucht wieder zu berühren.
"Die Lichtung" ist ein Buch, das ich nun schon viele Male gekauft und verschenkt habe, und das ich jedem und jeder empfehlen möchte, der und die Interesse an einer wunderbar geschriebenen Erzählung, einer fantasiereichen Sprache, an dunkler Romantik und ja: einer frauenorientierten Sichtweise auf heutige Probleme hat.
Ich kann nur sagen: Kaufen, lesen, weiterempfehlen!