Es mag zwar aktuell kein Lenormand Buch geben, das alle Fragen eines Kartenlegeanfängers abdeckt, aber Anne Biwer ist dabei die einzige, die auch im Detail auf die unterschiedlichen Deutungsebenen der Lenormand Karten eingeht. Unverzichtbar, wenn man die Karten in ihrem ganzen Spektrum erkennen möchte. Weiters hat sie sich anders als die meisten erfreulicherweise dazu entschieden, ihre Ausführungen nicht auf das Deck eines bestimmten Herstellers zu beziehen, sondern ihre Deutungen allgemein zu halten, damit man sie als Anfänger leicht auf das eigene Kartendeck umlegen kann. Um auf die Vielfalt von Lenormanddecks hinzuweisen, gibt es zu jeder Karte jeweils 4 s/w Abbildungen aus den Decks der Hersteller JMC (Blaue Eule = mit Skatblatt, Rote Eule = mit Sprüchen), Piatnik und ASS.
Das Buch ist sehr gut gegliedert und so konzipiert, daß es auch zum schnellen Nachschlagewerk wird. Nach einem kurzen Vorwort erfährt der Leser zuerst etwas über die Geschichte der Marianne Lenormand (die zu Zeiten Napoleons in Paris eine legendäre Wahrsagerin war) und über die "kleinen Lenormand Karten", die zwar nicht von Mlle Lenormand selbst stammen, allerdings durch ihr damaliges Kartendeck von 52 astro-mythologischen Karten (dem heute die "Großen Lenormand Karten" ähneln) inspiriert worden sein soll.
Ab Seite 33 geht es dann in medias res - dem eigentlichen Kartenlegekurs. Bevor die Karten allerdings im Detail besprochen werden, gibt es Tips zum Mischen und eine Erklärung zu 7 Deutungsebenen:
Erste Ebene: Die Skatfarben Herz, Karo, Kreuz, Pik
Zweite Ebene: Kartenmotiv
Dritte Ebene: Personenkarten
Vierte Ebene: Schlüsselwort
Fünfte Ebene: Zustand oder Eigenschaft
Sechste Ebene: Körper und Gesundheit
Siebente Ebene: Zeitkarten
Der erfahrene Kartenleger wird diese Ebenen zwar in der Praxis nicht voneinander trennen und außerdem gibt es in Wahrheit wesentlich mehr Ebenen als die sieben "Basics", aber für einen Anfänger erleichtert diese Einteilung das Deuten ungemein. Deshalb hat Biwer dieses Schema in der Beschreibung der einzelnen Karten beibehalten, sodaß der Leser gleich die entsprechenden Karteninfos für die verschiedenen Deutungsebenen hervorgehoben sieht. Der Vorteil ist hier, daß man nicht erst das Buch von vorn bis hinten durchackern und irgendetwas auswendig lernen muß, sondern eigentlich sofort loslegen kann mit Kartenlegen und während dem Legen die entsprechenden Seiten im Buch nachschlägt. Praktisch!
Von Seite 42-120 wird jede der 36 Karten auf 2 bis 4 Seiten erst allgemein, dann anhand von 2er, 3er oder 4er Kombinationen beschrieben. Die Autorin hat hier mit Absicht darauf verzichtet für alle 2er Kombinationen eine Deutung parat zu stellen, damit der Leser von Anfang an seine Intuition schult. Auch wenn es manch ein Buch anpreist, Kartenlegen kann man zwar bis zu einem gewissen Grad von der Technik her lernen, aber wenn es ums Wahrsagen geht, ist jeder auf sich selbst gestellt. Jede Kartenkombination kann natürlich Hunderte von Bedeutungen haben. Es wäre sinnlos, darüber ein Buch zu schreiben, denn welche Bedeutung die Karten haben, muß man intuitiv erfassen. Und die gleiche Kombination kann in jeder Legung etwas anderes heißen. Außerdem reichen 2er Kombinationen bei den meisten Legesystemen nicht aus. Da muß man ohnehin 3er bis 10er Kombinationen lesen können.
Biwers Kombinationsdeutungen sehen sich daher auch lediglich als Inspiration und Anstoß eigene Assoziationen zu finden. Da hier bei den Lenormands mit 36 Karten "alles was ist" entschlüsselt werden muß, treffen Kombinationsvorschläge aus Büchern in der Praxis natürlich generell nur selten zu. Und ob und wann diese zutreffen, muß auch die eigene Intuition verraten. Trotzdem - mit den eindringlichen Lenormand Karten ist Wahrsagen doch relativ einfach. Sicher einfacher als mit dem Tarot. Und wenn man erstmal lernt seiner Intuition zu vertrauen - und das kommt ganz von allein mit der nötigen Übung - wird man sich wirklich alle Fragen mit den Karten beantworten können. Denn die Lenormands sind wahre Allrounder.
Apropos. Für all jene, die die Lenormand Karten noch nie gesehen haben. Die 36 Karten sind:
Reiter, Klee, Schiff, Haus, Baum, Wolken, Schlange, Sarg, Blumen, Sense, Ruten, Vögel, Kind, Fuchs, Bär, Sterne, Storch, Hund, Turm, Park, Berg, Wege, Mäuse, Herz, Ring, Buch, Brief, Herr, Dame, Lilie, Sonne, Mond, Schlüssel, Fische, Anker, Kreuz
Auf den restlichen Seiten des Buches werden schließlich mehrere Legesysteme mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad vorgestellt und anhand je eines Beispieles aus Biwers Legepraxis im Detail besprochen und gedeutet. Und zwar wieder nach den 7 Ebenen. Und daher leicht mitzuverfolgen. Auch, wenn man noch nie vorher Karten in der Hand hatte.
Die Legemethoden sind:
Das Keltische Kreuz
Das Fragespiel
Der Wegweiser
Das Große Bild
Der Karmaspiegel
Mein Fazit: Ideal zum Anfangen bei tollem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und für alle, die nach der Lektüre doch noch Schwierigkeiten mit dem Deuten haben, ein weiterer Tip. Im Buch "Mystisches Kartenlegen nach Mlle Lenormand" von Dietlind Herlert-Schaaf gibt es Deutungsvorschläge zu ALLEN 2er Kombinationen (und zwar andere als bei Biwer) plus Kombinationslisten zu Spezialbereichen wie Beruf, Krankheiten, Landschaften und vieles andere.