Über Peter Handke muss man in einer Rezension nicht viel schreiben. Die, die ihn kennen, wissen auch über ihn als Person das Wichtigste. Die, die ihn nicht kennen, werden sich zu seiner Literatur selten verirren. Der 1942 in Kärnten geborene Schriftsteller hat deutsch-slowenische Wurzeln, die sein Interesse an bestimmten Themen erklärt. Man denke an die Kontroverse um sein Buch "Eine winterliche Reise", für das man ihm eine Verharmlosung der serbischen Kriegsverbrechen vorgeworfen hat und immer noch vorwirft. Er wurde in den letzten viereinhalb Jahrzehnten mit Preisen überhäuft, vom Gerhard-Hauptmann-Preis über den Georg-Büchner- und den Franz-Kafka bis hin zum Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur, um nur einige wenige zu nennen.
"Die Lehre der Sainte-Victoire" ist der zweite Teil der Tetralogie "Langsame Heimkehr". Die Entstehung fällt in eine Zeit der Sesshaftigkeit Handkes in Salzburg. Der schmale Band schildert die Suche des Ich-Erzählers nach den Originalschauplätzen vieler Gemälde des großen Impressionisten Paul Cézanne. Es ist ein Durchstreifen der Gegend rund um den Mont Sainte-Victoire in der Provence, der entsprechenden Städte und Ortschaften wie Aix. Einbezogen werden aber auch Schilderungen in Paris (Mont-Valérien), Berlin (Havelberg) und Salzburg. Ohne die berühmten Pilger-Bücher beispielsweise über den Jakobsweg gelesen zu haben, kann ich mir vorstellen, dass dieser Text dazu eine Alternative für Sprachliebhaber sein könnte.
"Es ist ein Buch der Recherche, der Suche und des langsamen Wiederfindens, Sich-Findens, Bewußtsein- und Identität- und Kunstfindens in einer wunderbar einfachen und komplizierten [...] Sprache", meinte Karl Krolow zu dieser Erzählung. Handke malt mit seiner Sprache einen Text wie eine Impressionist oder gar Pointilist seine Bilder. Es ist nicht immer leicht, dem Text zu folgen, ganz bestimmt ist die Erzählung keine Alltagsliteratur zum Zeitvertreib. Handkes Sprache dieser Zeit zeichnet sich durch teilweise überhöhte Metaphern aus, die auch Wortneuschöpfungen wie Beseligungsmoment oder Halbschlafbilder gebiert.
In erster Linie geeignet für Handke-Leser und experimentierfreudige Liebhaber außergewöhnlicher Literatur und Sprache. Mit einhundert Seiten ist die Erzählung kurz genug, um sie auch dann zu Ende zu bringen, wenn sie einen nicht gänzlich für sich einnimmt.