Zu den berühmtesten Texten des Mahayana-Budddhismus gehört zweifellos das Shastra (Abhandlung, Kommentar) über den Erleuchtungsgeist, das der indische Mönch Shantideva um 750 n.Chr. in Nordindien verfasste. Dieser Text stellt ein Lehrgedicht in zehn Gesängen dar, das in typisch altindischer Weise ein religiös-philosophisches Thema behandelt.
In manchmal blumigem, ermahnendem und philosophischem Tonfall lehrt Shantideva, wie man den Erleuchtungsgeist (bodhicitta) hervorbringt (Kapitel 1-3), ihn ausbildet (Kap. 4-6) und vervollkommnet (Kap. 7-9). Er orientiert sich dabei an den sog. 6 Paramitas oder "Tugend"-Vollkommenheiten des Bodhisattva, die in der der Vollkommenheit der höheren Erkenntnis (prajña-paramita) gipfelt. Kapitel 9, das die Erkenntnis der Leerheit aus Sicht der Madhyamaka-Prasangika-Schule darstellt, ist wegen der extrem verkürzten Darstellung im indischen Debattenstil besonders schwer zugänglich und erfordert zum Verständnis mündliche Erläuterungen oder ausführliche Kommentare.
Im tibetischen Buddhismus kommt Shantidevas Text eine herausragende Stellung zu, er ist die Grundlage zahlloser Belehrungen und Kommentare und gilt als DER Text zum Thema Bodhicitta schlechthin. Anhänger des tibetischen Buddhismus werden die neue Übersetzung von Jobst Koss, die unter Anleitung namhafter Lamas in mehrjähriger Arbeit entstand, mit Interesse zur Kenntnis nehmen. Ein Vergleich mit der Übersetzung aus dem Sanskrit von Ernst Steinkellner, die seit 1981 vorliegt, und einer deutschen Teilübersetzung von Panglung Rinpoche ergibt, dass Koss sich sehr wacker geschlagen hat und den Text korrekt widergibt.
Gegenüber Steinkellner ist seine Übertragung deutlich moderner und lesbarer, wie an folgender Stelle aus dem 8. Gesang verdeutlicht werden soll. Shantideva erläutert in Vers 40 ff. die Meditation über die Unreinheit des Körpers. Bei Steinkellner heißt es V.52/53:
"Wenn du das Unreine nicht begehrst, warum umarmst du dann den andern mit Fleischunrat zugeschmierten, durch Sehnen verknüpften Knochenhaufen? Du hast selbst viel Unsauberes. Sei damit allein zufrieden! Vergiss, Unflatlüsterner, den anderen Kotsack!"
Etwas weniger mittelalterlich hingegen Koss:
"Wenn du an Unreinem nicht anhaftest, warum vereinigst du dich dann mit dem Schoß eines anderen, ein Käfig aus Knochen, von Sehnen zusammengehalten und mit Fleischbatzen bepackt? Du selbst enthältst viel Unreines, mit dem du ständig zu tun hast, und aus Sehnsucht nach Unreinem begehrst du auch noch andere Beutel von Unreinem."
Über Sinn und Zweck solcher Ausführungen sollte man allerdings genauer nachdenken und nicht vergessen, dass sie sich erkennbar an Mönche und Nonnen richten, die im Kloster leben. Von der Lebenswelt eines heutigen Mitteleuropäers ist Shantideva weit, weit entfernt...
Der Leser sollte schon einige Kenntnis der buddhistischen Terminologie und Systematik mitbringen oder ausführliche Unterweisungen zu diesem Text erhalten haben, um ihn mit Nutzen studieren zu können. Für Anfänger wird manches zunächst wohl eher befremdlich oder unverständlich wirken. Die größte Gefahr ist aber, das, was der Text beschreibt, als moralischen Zwang oder Gebot zu begreifen, das man als guter Buddhist gefälligst zu erfüllen habe: man kann auf diese Weise jahrelang gegen sich selbst wüten und dabei immer verbiesterter werden, bis man eines Tages zusammenbricht, den ganzen Buddhismus hinschmeißt und sich eine (vermeintlich) lebensbejahendere Weltanschauung sucht. Auf diese Weise hätte man eine Chance verpasst, den tieferen Sinn hinter dem ganzen Altruismus-Ding zu entdecken, das diese Buddhisten am laufen haben.
Leider gibt es Stellen bei Shantideva, die solche über-asketischen Tendenzen eher fördern (er war halt Inder) - als Gegengewicht lese man man am besten Nietzsche oder Epikur.
Die bibliophile Gestaltung (rotes Halbleinen mit gelben Einbanddeckeln, Lesebändchen, Satzspiegel) wird jeden Bücherfreund erfreuen.